Im Winter Schnee

Wir befinden uns im Zeitalter der großen Wunder. Große Teile der Bevölkerung wurden überrascht von dem, was unsere Vorfahren noch als „Winter” kannten.

Völlig unerwartet war es nicht nur kälter geworden, sondern es viel auch eine weiße Merkwürdigkeit namens Schnee vom Himmel. Diese führt zum Erliegen des gesamten öffentlichen Lebens. Niemand ist mehr in der Lage mit Hilfe von Autos oder gar öffentlichen Verkehrsmittel wohin auch immer zu kommen.

Selbstverständlich trägt niemand Schuld, denn es war nicht zu ahnen, dass man zum Beispiel Streusalz in deutlichen größeren als haushaltsüblichen Mengen brauchen würde. Lediglich bei der Bahn ist kein Unterschied zu sonst erkennbar, denn auch bei bestem Sommerwetter fahren die Züge, wenn überhaupt, nicht pünktlich.

Enttäuscht sind jedoch die Menschen, die darauf hoffen, dass mit dem so genannten Schnee-Chaos auch so was wie Ruhe einkehrt. Ein weißes Laken, was sich über Stadt und Land senkt, was Menschen dazu bringt, innezuhalten, den Blick nach innen zu richten. Quasi die Adventszeit als Zeit der Besinnung. Auf solch eine Idee zu kommen, ist schon naiv. Wer kann denn Ruhe finden, wenn es noch ein letztes Geschenk zu kaufen gilt, der eine Termin noch ansteht? Dieser Schnee macht doch alles nur noch schlimmer. Statik Frieden macht sich Panik breit. Aufgepeitscht durch Sensationsmeldungen versuchen sich die Mutigeren, durch Hamsterkäufe einen Überwinterungsvorteil zu verschaffen. Wer weniger Glück hat, vergreift sich an dem überall aushängenden Vogelfutter, um zumindest die schlimmsten Tage zu überstehen.

In spätestens sechs Monaten, wenn der ganze Spuck wieder vorbei ist und das erste frische Weihnachtsgebäck wieder in den Supermärkten zu finden ist, werden besonders diejenigen, die hetzt über die unsägliche Kälte fluchen schweiß nass stöhnen, dass der Sommer wieder viel zu heiß sei. Allerdings sollte niemand auf die Idee kommen zu behaupten, dass das Wetter für alle gleich sei. Diejenigen unter uns, die derzeit nicht unter uns weilen, weil sie sich rechtzeitig in wärme Gefilde abgesetzt haben, verfügen zu jeder Jahreszeit über das passende Kleingeld, um sich das Wetter selber aussuchen zu können. Längst ist nicht mehr der „in”, der in den Ski-Urlaub im Dezember fährt, sondern Weihnachten unter Palmen verbringt. Das schlechte Gewissen in Bezug auf die eigene CO2-Bilanz lässt sich dadurch beruhigen, dass man sich stielecht mit ein paar kleinen Waisenkindern ablichten lässt, bevor man zum Urlaubsalltag übergeht.

Den gewöhnlichen Deutschen plagen unterdessen ganz andere Sorgen. Handschuhe scheinen auf magische Weise nur noch einzeln vorhanden zu sein, die kalte Masse draußen vor der Tür sorgt dafür, dass sowohl Männern der Rücken vom Schnee schippen weht tut als auch ihren Ehefrauen, die den Dreck nicht abgeputzter Stiefel immer und immer wieder aufwischen müssen. Der schlimmste Feind aber in dieser Jahreszeit ist die Angst, draußen zu erfrieren. Sie führt dazu, dass man sich in der heimischen Wohnung verkriecht und Zuckerzeug in Fett umwandelt. Über letzteres wird dann gestöhnt, wenn der letzte Schnee im neuen Jahr geschmolzen ist und die Blicke freigibt auf den gewachsenen Bauchumfang.

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