Kurze Werbepause

Kurze Werbepause

Bahn fahren an sich kann an manchen Tagen schon sehr schlimm sein. Die Züge sind voll, der Sitznachbar ist eher ein XXL-Modell und quillt aus dem Sitz und irgendwo lamentiert lautstark eine Großfamilie, während sie Knoblauchfleischwurst verspeist. Bei leichtem Bremsvorgängen macht sich dann noch irgendein Teil aus der Gepäckablage selbständig und begräbt einen unter sich – was zumindest den Vorteil halt, dass man vom Rest nicht mehr viel mitbekommt.

Die Bahn selber ist dabei stets bemüht, den auf ein Wenig Ruhe hoffenden Reisenden maßlos zu ernüchtern. Wer nicht den Vorteil einer extremen Schwerhörigkeit, besser noch Taubheit genießt, wird bis zur Bewusstlosigkeit mit Ansagen traktiert. Auf der Strecke von Bielefeld nach Hamm sind es mindestens fünf Ansagen im ICE, die man ertragen muss.

Nach Abfahrt vom Bahnhof in Bielefeld erfolgt die obligatorische Begrüßung der Zugestiegenen mit ausführlicher Ansage der nächsten Stadtion und grob fahrlässig geschätzter Ankunftszeit. Da die Bahn über Personal mit erstklassigen Fremdsprachenkenntnissen verfügt, gibt es die gleiche Ansage noch mal auf Englisch. Kaum hat der Reisende sich von diesem Schock erholt, folgt wenige Minuten später die Werbung fürs Bordbistro und den Speisewagen. „Genießen Sie unser reichhaltiges…”

Wer wirklich genießen will, der bleibt am besten zu Hause oder lässt sich in einem anständigen Restaurant verwöhnen. Nur besonders Mutige oder Menschen, die gerade an einem Survival training teilnehmen, erwerben zum Preis eines kleinen Königreiches den Kaffee, der auf Rädern am Platz vorbeigeschoben wird. Braungefärbtes Spülwasser macht zwar nicht ganz so wach, überzeugt aber geschmacklich im direkten vergleich zum so genannten „frischen Filterkaffee”.

Kurz vor Hamm gibt es dann, sofern alles reibungslos verlaufen ist, erneut die Ansage zum Fahrziel und den Anschlusszügen. Selbstverständlich diesmal auch zweisprachig. Erfahrene Pendler nutzen die Ansage der Anschlusszüge je nach Zugverspätung für kreatives Bingo-Spiel.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren