Vor der leeren Tafel

Nach wie vor fällt es mir noch schwer, meine Gedanken zu sortieren. Der Artikel in der Süddeutschen Zeitung über Hartmut von Hentig hat mich im Innersten getroffen.

Es ist nicht allein der Vorwurf des Kindesmissbrauches, den sein Lebensgefährte Gerold Becker in der Odenwaldschule begangen, bzw. zumindest aber gedeckt haben soll. Was an den Vorwürfen dran ist, kann ich nicht beurteilen. Über Vorverurteilung und andere Dinge zu reden, ist an dieser Stelle auch wenig angebracht.

Nicht zu leugnen ist, dass es Kinder, Schüler, Schutzbefohlene, gegeben hat, die Opfer von Missbrauch durch Lehrpersonal wurden. Das Hentig Becker in Schutz nimmt, lässt sich vielleicht in gewisser Weise nachvollziehen. Das er aber Missbrauch relativiert macht mich sehr traurig, denn dadurch relativiert Hentig sein Lebenswerk.

Mit ihm und Becker werden auch die pädagogischen Verdienste in die Waagschale geworfen, in Frage gestellt und letztendlich zunichte gemacht.

Mich trifft das doppelt. Nicht nur weil ich Lehramt studiert habe und ich der Reformpädagogik sehr viel Sympathie entgegengebracht habe (und immer noch bringe, gerade weil ich an der Universität Bielefeld studierte, die durch Hentig in besondere Weise geprägt wurde).

Mein achtwöchiges Praktikum zu Beginn des Studiums habe ich in der Laborschule, Hentigs Laborschule, wenn man so will, absolviert. Wie keine Schule zuvor und danach hat mich diese Schule beeindruckt, geprägt. Ich halte sie nach wie vor für einen verdammt guten Ansatz, Lernen neu und menschlich zu gestalten.

Derzeit fühle ich mich wie im Klassenzimmer, an einem Tisch sitzend und auf eine plötzlich leere Tafel starrend. Was vorher noch klar und deutlich an ihr stand, ist weggewischt. Diese Leere ist im Kopf und auch im Herzen.

Kommentar verfassen