Arbeit und Würde

Kann sein, dass Hannelore Kraft im Kern Recht hat mit ihrem Standpunkt zum sozialen Arbeitsmarkt. Es kann aber auch genauso gut sein, dass sie falsch liegt. Zurück gerudert wurde gestern jendenfalls nicht. Statt dessen gingen einige und nicht wenige in der SPD in die Offensive, um die Pläne von Kraft mit Vevere zu verteidigen.

Da sich die SPD ja neuerdings als Mitmach-Partei versteht, gab es für den einfachen Genossen an der Basis (sofern er über eine E-Mail Adresse verfügt) eine vierseitige Argumentationshilfe. Da ich mich nicht gerade durch Niebelungentreue auszeichne und auch gerne selber denke, ist das für mich eine Steilvorlage, um mich kritisch mit den „Informationen zur Diskussion über einen sozialen Arbeitsmarkt” auseinander zu setzten.

Was mich zu allererst gewundert hat, war nicht nur der Umfang der Mail, sondern insbesondere auch die zeitliche Nähe. Es sieht so aus, als ob viele in der Parteizentrale fieberhaft daran gearbeitet haben, damit das Kind im Brunnen nicht ertrinkt.

Von Kraft selber gab es keine Klarstellung, sondern lediglich von Michael Groschek, Generalsekretär der SPD. Schade eigentlich. Kommen wird aber zum Inhalt.

Wohl wichtigster Kernpunkt der Argumentation, der auch mehrfach wiederholt wurde: die angestrebte Beschäftigungsperspektive für schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose soll ein rein freiwilliges Angebot sein. Ziel dabei sei es, den Menschen ihre Würde zurück zu geben, denn

Arbeit hat eindeutig mit Selbstwertgefühl und auch Würde zu tun.

Das dies derzeit so ist, weiß ich. Und wenn ich an dieser Stelle schreibe, dass ich das weiß, dann ist das nicht einfach dahergesagt, sondern entspringt der eigenen Erfahrung als Arbeitsloser, der ich auch mal war. Es ist unbestreitbar, dass in dieser Gesellschaft Menschen über Arbeit definiert werden. Wer keine hat, fühlt sich als Mensch zweiter Klasse, er schämt sich, weil er arbeitslos ist.

Mitunter macht das unendlich traurig. Das Menschen nur dann ihre Würde zurückbekommen, wenn sie Arbeit haben, ist aus meiner Sicht ein fataler Zustand, eine gesellschaftliche Fehlentwicklung. Statt aber dies klarzustellen, behaaren Kraft und weite Teile der SPD darauf, dass Arbeit Selbstwergefühl und Würde verschafft.

Es wäre viel wichtiger darüber nachzudenken, wie ein Leben ohne Arbeit, oder ohne dass, was wir als Arbeit definieren, würdevoll sein kann.

Insofern ist der Vorschlag von Kraft Öl in das Feuer von Guido Westerwelle, das er mit seiner Forderung, Arbeitslose müssten Schnee schippen, angefacht hat.

Groschek spricht von Teilhabe, die den Langzeitarbeitslosen ermöglicht werden soll. Teilhabe durch Arbeit? Für mich erscheint diese Auffassung wie ein Dinosauria. Unsere Gesellschaft sollte eigentlich schon deutlich weiter sein.

Die Arbeit hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Auch sind die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit fließender geworden. Es ist an der Zeit, über den Begriff Arbeit zu diskutieren, auszuloten, welchen Stellenwert wir ihr künftig einräumen wollen.

Das was Hannelore Kraft im übrigen gemeint hat, ist nicht wirklich Arbeit, sondern eine Beschäftigungstherapie mit Zuverdienstoption.

Für das Gemeinwohl kann man auch ehrenamtlich etwas tun. Nach Aristoteles Nikomachischen Ethik, wäre das auch ein treffliches Ziel. Ich lese einem Kind etwas vor, um ihm etwas vorzulesen. Nicht, um mir etwas hinzu zuverdienen.

Eines noch: Das durch die Maßnahmen, die Kraft vorschweben, Langzeitarbeitslosen eine Beschäftigungsperspektive verschafft wird, halte ich für einen Irrglauben. Was für eine Perspektive hat denn ein Mensch mit „mehrfachen Vermittlungshemmnissen”, wenn er im Park für das Gemeinwohl Blätter zusammenfegt? Wohl keine, außer die, dass auf den Herbst der Winter folgt, der keine Blätter mehr bringt, sondern Schnee. Den darf er dann auch ganz freiwillig schippen. An dieser Stelle schließt sich dann der Kreis von Westerwelle zu Kraft.

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