Frau Schmitt kann kochen, Teil II

In der Wohnung unter Frau Schmitt wohnte ein alleinerziehender Vater. Die anderen Mieter wunderte das etwas, denn aus der Zeitung kannten sie eigentlich nur alleinerziehnde Mütter. Da die wenigsten von denen Maria hießen und eine unbefleckte Empfängnis hatten, gab es irgendwo auch noch einen Vater zum Kind, der entweder mit diesem nichts mehr zu tun haben wollte, plötzlich schwul geworden war oder das zeitliche gesegnet hatte. In nur sehr wenigen Fällen traf alles auf einmal zu.

Die Mutter von Robert Brecht war zwei Tage vor Roberts fünften Geburtstag verschwunden, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Roberts Vater Martin war völlig überrascht, da er sich das Verschwinden von Sandra nicht erklären konnte. Das kein Verbrechen geschehen war, wusste er nur deshalb, weil in der Nacht, in der Sandra verschwand, auch ein großer Teil ihrer wichtigsten Sachen ebenfalls untertauchten. Drei Monate später erhielt Martin dann einen Brief. Nicht von Sandra, sondern von ihrem Anwalt.

Aber das waren alles Dinge, an die Martin zwölf Tage vor Weihnachten und 14 Tage vor Roberts Geburtstag nicht denken wollte. Sechs Jahre alt würde Robert werden. Martin wünschte sich, dass Robert endlich wieder sprechen würde, aber der Verlust seiner Mutter hatte ihn hart getroffen. Er war schon vor Sabines Verschwinden ein nicht sehr auffälliges Kind gewesen, aber danach war er ganz verstummt.

Von all dem bekam Frau Schmitt eine Etage höher wenig mit, denn sie hatte ganz andere Sorgen. Zu Beginn der Adventszeit befiel Frau Schmitt immer eine enorme Angst. Die Angst davor, dass jemand im Büro hinter ihr Geheimnis kommen würde. So gut sie auch kochen konnte, scheiterte sie doch kläglich bei jedem Versuch zu backen. Nicht mal mit einfachen Backmischungen gelang ihr etwas. Die Vorweihnachtszeit, wenn alle Kolleginnen selbstgebackene Plätzchen mitbrachten, war für Frau Schmitt die Hölle.

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