Verdrehte Wahrheit

Stellen wir uns zwei Menschen vor, die einer drohenden Zwangsräumung aus einer Wohnung, in der sie über 40 Jahre gewohnt haben, zuvorkommen und selber ausziehen. Das ihnen dies nicht leicht gefallen ist, kann angenommen werden.

Tragisch daran ist aber, dass sie zuvor jede Hilfe abgelehnt haben – selbst den Vorschlag der Vermieterin, im selben Haus in eine kleinere, günstigere Wohnung zu ziehen.

Je mehr ich über die Hintergründe erfahren habe, desto merkwürdiger kam mir das alles vor. Am schlimmsten war aber, als ich gestern von der Sache mit dem Schimmel erfuhr.

Die besagten Nachbarn haben in den Jahren, in denen sie in der Wohnung gelebt haben, nie einen Handwerker reingelassen. Sicher kann man nur spekulieren, aber ich denke, dass sie am Schimmel in der Wohnung nicht umschuldig sind – sie haben selbst den Handwerkern, die sich um den Wasserschaden kümmern wollten, den Zutritt zu ihrer Wohnung verweigert.

Sicher, man konnte sie jetzt in Ruhe ziehen lassen, schliesslich sind wir nur Nachbarn und keine Hauseigentümer. Es gibt aber Dinge, die mich aufregen. Durch ihre Weigerung, Handwerker in die Wohnung zu lassen, ist auch unser Keller betroffen. Der Schaden ist zwar nicht groß, aber ärgerlich.

Zudem haben sie angefangen, auch noch die anderen Nachbarn gegen unsere Vermieterin aufzuhetzen. Das jemand nicht herausposaunt, er müsste auf Grund einer bevorstehenden Zwangsräumung, die das Ergebnis von über Jahre hinweg nicht gezahlter Miete ist, ausziehen, ist verständlich. Aber allen zu erzählen, man würde wegen des Schimmelbefalls in der Wohnung ausziehen, verdreht doch etwas die Wahrheit – zumal sie dann noch einen ahnungslosen, hilfsbereiten Mieter mit reingezogen haben, der für sie dem Schimmel fotografieren sollte.

Kommentar verfassen