Omas Sparbuch

Omas Sparbuch

Enkellos saß sie vorm Fernseher und verfolgte die Nachrichten. Wobei sie eigentlich in erste Linie versuchte, zu zuhören. Vieles ging an ihr einfach vorbei. Die Sache in Bombay. Was sie verstand, war, dass dort unten eine Art Krieg gerührt wurde.

Krieg, den hatte sie als junge Frau noch selber erlebt. Weswegen jetzt aber Menschen in Indien starben, wurde ihr nicht klar. Sie konnte auch nicht verstehen, warum ihr Land verurteilte Verbrecher wieder laufen ließ. Merkwürdige Sitten waren das. Aber was ging die das noch an. „Ich bin alt”, dachte sie, „und habe es bis hierhin geschafft. Schlimmer kann es nicht mehr kommen.”

Fallende Milchpreise. Sie schloss die Augen und erinnerte sich. Nach dem Krieg war es schwer, an frische Milch zu kommen. Mit einem Herrenrad, was sich ja eigentlich nicht ziemte, ist sie aufs Land gefahren. Auf dem Rückweg hatte sie dann eine volle Kanne dabei, ganz rote Wangen und einen unordentlichen Rock. Ihre Mutter fragte nie, war aber dankbar für die Milch. Älteste zu sein, war damals eine Bürde.

Im Fernsehen wurde von der neuen Abgeltungssteuer berichtet. Etwas rieß sie aus dem Halbschlaf. Fünfundzwanzig Prozent. Sollte sie die jetzt zahlen, auf ihr mühsam Erspartes? Plus Kirchensteuer. Wovon dann noch leben, dachte sie. Das klein bisschen Luxus, was sie sich hart erarbeitet hatte. Ihr hatte nie jemand was geschenkt. Jetzt sollte sie ihr Geld an einen Staat verschenken, den sie nicht mochte.

Am nächsten Morgen. Die Sache mit der Abgeltungssteuer ließ sie nicht mehr los. Viel hatte sie nicht verstanden. Ihr war aber bewusst, das es um Geld ging – ihr Geld. Konsequent, dass war sie immer. Daher tat sie das aus ihrer Sicht einzig Richtige. Um zumindest keine Kirchensteuer auf ihr Erspartes zu zahlen, trat sie aus der Kirche aus. Kein Schritt, der ihr unbedingt leicht viel. Die Sonntage würden sehr einsam werden.

Monate später war es auch eine sehr einsame Beerdigung, auf der kein Pfarrer zu sehen war. In ihrer ehemaligen Gemeinde wusste niemand davon. „Die ist doch Anfang des Jahres umgezogen”, hieß es. Jetzt war sie tatsächlich umgezogen. Das enkellose Sparbuch wurde aufgelöst.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren