Saatgut mit Nachgeschmack

Manche Wochenenden hinterlassen einen so nachhaltigen Eindruck, dass es eines ganzen Montags bedarf, um sie zu verdauen. Das vergangen Wochenende war wieder mal so eins. Gestern spukten dann zwei Dinge durch den Kopf. Die Rede von Reich-Ranicki und der JuSo-Bundeskongress (BuKo, wie es unter Eingeweihten heißt).

Fangen wir mal mit dem Literaturkritikerpapst an. Wobei auf den Zusatz Papst verzichtet werden kann, denn dieser gilt (zumindest in der katholischen Lehre) als unfehlbar. Gleiches für Literaturkritik zu behaupten, wäre anmaßend. Wir wollen uns aber gar nicht groß mit Literatur aufhalten, auch wenn die Frankfurter Buchmesse an die Tür klopf.

Vielmehr geht es um ein etwas neueres Medium, dem Fernsehen. Dessen Niedergang wurde quasi schon bei seiner Erfindung besungen. In gewisser Hinsicht ähnelt gibt es Parallelem zwischen Fernsehen und dem deutschen Bildungssystem. Vom Verfall der Schulen wird regelmäßig in PISA-Studien berichtet, ohne dass sich was ändert.

Steht es denn wirklich so schlimm? Schund auf allem Kanälen? Es verhält sich sicher so, dass das Fernsehen hierzulande kein Hort der Hochkultur ist. Genauso wenig aber kann man den Sendern pauschal die Verdummung der Zuschauer um die Ohren hauen, denn wer solches behauptet, überschätzt die Wirkung des Mediums erheblich. Gleichermaßen ist der Bürger mündiger, als stillschweigend angenommen wird.

Letztendlich ist das Fernsehprogramm ein Spiegelbild von Angebot und Nachfrage. Kommen wir aber zu Reich-Ranicki und seiner Kritik. Ganz falsch lag er trotz allem nicht, aber es kommt auch immer auf die Untertöne und den Kontext an. Zu behaupten, er hätte nicht gewusst, was ihn erwartet, ziemt sich für einen so klugen Kopf nicht, denn es schwingt darin entweder ein gewisser Wiederwillen, sich vorab zu informieren. Zudem hat die Formulierung einen sehr hässlichen Stiefbruder: Ich hab von all dem nichts gewusst.

Jeder, der irgendwo zu einer Party eingeladen wird, macht sich vorher schlau um zu wissen, was ihn erwartet. So ist dann der zweite Eindruck vom Auftritt Reich-Ranickis der eines ungeduldigen, zornigen und intoleranten alten Mannes.

Wechseln wir das Thema und kommen kurz noch mal auf die JuSos zu sprechen. Sparen möchte ich mir an dieser Stelle einen Kommentar zu den Werkzeuge der Selbstunterdrückung wie zum Beispiel die quotierte Redeliste – zum Glück bin ich schon aus dem JuSo-Alter. Wie sie miteinander umgehen, können unsere jüngeren Genossen selber regeln. Viel interessanter ist, was vom vergangenen Bundeskongress nach außen dringt. Das sind dann so Phrasen wie „Einführung des demokratischen Sozialismus” und ”Überwindung des Kapitalismus”. Ich hoffe mal, dass diejenigen, die solche Förderungen aufstellen, noch einige Jahr mehr auf der grünen Wiese tummeln und erwachsen werden (oder einfach nur aufwachen), bevor sie ein echtes politisches Mandat übernehmen. Die unverbesserlichen können sich meinetwegen auch gleich zu den Ewiggestrigen der Linkspartei gesellen. Da sind vor allem die besser als in der SPD aufgehoben, die von einem Systemwechsel plappern, diesen aber nicht konkretisieren können:
Den demokratischen Sozialismus jetzt schon im Detail zu definieren sei weder politisch erwünscht noch möglich.

Da schließt sich dann der Kreis zu Reich-Ranicki. Immer drauf mit der Kritik-Keule, aber bloß keine konstruktive Mitarbeit am System, was man angeblich verachtet, von dessen Früchten man dessen ungeachtet aber doch gerne profitiert.

Kommentar verfassen