Das Tagebuch

Das Tagebuch

Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass mein verstorbener Großvater über Jahre hinweg, genauer gesagt seit dem Tod meiner Großmutter Tagebuch geführt hat. Ganz ehrlich, dass hat mich ziemlich überrascht; aus einer Vielzahl von Gründen. Nicht nur, dass ich es nicht erwartet hätte, nein auch unter anderem deshalb, da mein Großvater schon zehn Jahre tot ist. Um ehrlich zu sein, finde ich es etwas befremdlich, erst jetzt über Umwege zu erfahren, dass er Tagebuch geführt hat.

Andererseits stellen sich auch noch ganz andere Fragen. Ganz konkret erstmal, ob sich durch das vorhanden Tagebuch irgendwas ändert. Erstmal sicher nicht. Als jemand, der mit seinem Blog mehr oder minder öffentlich zumindest eine Art Tagebuch führt, frage ich mich auch, für wenn die Aufzeichnungen meines Großvaters gedacht sind. Wollte er, dass sie jemand ließt? Schwer zu beantworten, denn er hatte nicht die Gelegenheit, vor seinem Tod das Tagebuch zu vernichten. Bei meinem Blog zum Beispiel ist das ganz einfach. Natürlich will ich, dass meine Einträge gelesen werde.

Dies bedingt aber, dass ich nicht immer das schreibe, was mir gerade durch den Kopf geht. Manches ist zu brisant, zu privat oder schlicht und einfach nur blödes Zeug (was nicht heißt,d ass ich hier auch mal blödes Zeug von mir gebe). Wer sein Tagebuch offline schreibt, hat in den meisten Fällen ein sehr kleine Zielgruppe: sich selber.

Sicher, ich kenne die Motivation meines Großvaters nicht. Und um ehrlich zu sein, ich will sie auch nicht wissen. Ich will auch nicht wissen, was er geschrieben hat. Mir reicht es, so wie ich ihn in Erinnerung habe.

Manche Stellen in seiner Biographie hätten mich schon interessiert. Das ich nichts darüber erfahren habe, ist meine eigene Schuld, denn ich hätte zu Lebzeiten fragen können. Ob ich auch eine Antwort bekommen hätte, weiß ich natürlich nicht. Zumindest aber hätte ich es versuchen können.

Das Tagebuch jetzt ist für mich wie ein Fremdkörper. Es zieht sich durch meine Gedanken, auch wenn ich mich gar nicht damit beschäftigen mag. Am besten wäre es wohl, die Aufzeichnungen dem Feuer zu übergeben, sie zur Ruhe zu betten. Mit diesem Standpunkt bin ich aber wohl alleine.

Anfang November steht der jährliche Familienbesuch in Wesel an – ich sollte wohl die Gelegenheit nutzen, um das Tagebuch anzusprechen und meinen Standpunkt zu verdeutlichen.

3 Replies to “Das Tagebuch”

  1. Ich finde auch, ein solches Tagebuch, wie das von Deinem Opa ist eine sehr persönliche Sache und geht außer ihm niemanden etwas an. Ich stimme mit Dir überein, dass es nicht gelesen werden sollte.

    Früher habe ich auch mal ein „richtiges“ Tagebuch geführt. Es hat mir geholfen mit Dingen zurechtzukommen, die mir passiert sind und ich habe die Dinge, die mich beschäftigt haben aufgeschrieben, um sie nicht zu vergessen. Manche Momente im Leben sind einfach zu wichtig, um sie einfach so zu vergessen und dafür war das Tagebuch die ideale Möglichkeit. Aber ich hatte auch immer Angst, dass es gefunden würde und habe es demnach auch „gut“ versteckt. (Klassischerweise unter meiner Matraze.) Bis es verschwand. Keine Ahnung, wer es genommen und wahrscheinlich auch gelesen hat, angeblich ist es natürlich „einfach nur verschwunden“… wer’s glaubt. Jedenfalls habe ich seitdem kein Tagebuch mehr geführt, bis ich mit dem Bloggen anfing. So kann ich auch meine Erlebnisse verarbeiten und aufscheiben und dadurch, dass es öffentlich ist, kann auch niemand mehr mein Vertrauen so mißbrauchen. Doch so sehr ich mich natürlich über leser und auch Kommentare freue, im Grunde genommen führe ich mein Blog für mich.

  2. Das finde ich ein sehr interessantes Thema.
    Es ist sicherlich ehrenhaft und wahrscheinlich auch richtig, das Tagebuch Deines Opas nicht zu lesen.
    Ich wäre dazu allerdings zu neugierig und hätte keine Sekunde gezögert, es zu lesen.

    Ich habe ganz früher auch Tagebuch geschrieben und ich glaube, ich hätte nichts dagegen, wenn die Tagebücher später, wenn ich mal tot bin, von meinen Kindern gefunden und gelesen werden. Aber das ist wahrscheinlich nicht sonderlich interessant, da es vor allem jugendliches Teeny-Geschreibsel ist. Dein Opa hat aber als erwachsener, bereits älterer Mann geschrieben. Mich würden an Deiner Stelle sehr seine Gedanken, seine Erkenntnisse oder auch Bekenntnisse interessieren.

    Interessant finde ich auch Deine Ansicht über das „öffentliche“ Tagebuch, den Blog. Denn mir geht es genauso. Da ich weiß, dass es öffentlich ist, schreibe ich natürlich nicht alles, was mich beschäftigt. Es könnte ja der Chef lesen (was er sogar tut), also kann ich nicht über ihn meckern. Nur so als Beispiel.
    Das hat mich schon oft geärgert, dass ich eben nicht vollkommen ehrlich, authentisch schreiben kann, was ich will. Obwohl es mir eigentlich auch so geht wie Gwen, ich blogge in erster Linie auch nur für mich selbst. Warum dann aber so öffentlich? Das frage ich mich manchmal selbst…

  3. Hey,

    ich bin über eine CD, durch Plugins irgendwie auf Deine Seite gestoßen und habe dieses Thema entdeckt. Was ich sehr interessant finde und zu dem ich aich unbedingt auch was schreiben möchte.

    Also ich finde es sehr interessant, daß Dein Opa in seinem hohen alter angefangen hat ein Tagebuch zu schreiben.

    Man kann natürlich nur vermuten, was ihn dazu getrieben hat. Vielleicht, hat er nach dem Tod seiner Frau (Deiner Oma) keine Bezugsperson mehr, der er seine Gefühle und Gedanken anvertrauen konnte. Vielleicht sollte von diesen traurigen Moment für ihn das Tagebuch für diesen Zweck da sein.

    Vielleicht hat er nach dem Tod Deiner Oma gemerkt wie doch alles vergänglich ist und so wollte er etwas von sich und seinen Gedanken seinen Nachfahren und der Nachwelt hinterlassen. Um so in diesem Sschriften weiter zu leben.

    Ich würde diese Bücher auf keine Fall verbrennen, wenn Du sie nicht lesen möchtest, dann tu es nicht. Wenn ihr seine Geheimnisse nicht „öffnen wollt“ dann tut seine Tagebücher/Tagebuch in ene Kiste und verstaut sie irgendwo für Eure Kinder und Enkel.

    ich denke, es wird die Menschen mal in 50 oder 100 Jahren sehr interessieren, was einer Ihrer Urgroßväter mal gedacht und wie er gefühlt hat.

    Ich finde, das ist ein Familienschatz den es lohnt aufzubewahren. Egal ob ihr sie lesen wiollt oder nicht.

    Viele Grüße
    Peter Deckert

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren