Das Kreuz ist gefallen

Gestern im Laufe des Tages wurde das Turmkreuz an der Paul-Gerhardt-Kirche entfernt. Wobei das eigentlich noch geschönt ist, denn es wurde nicht sorgfältig abmontiert, sondern abgesägt. Als Kriegsbeute wandert es jetzt in die Neustädter-Kirche, die im übrigen auch schon eine Verwendung für das ausgebaute Sakralfenster gefunden haben. Feindliche Übernahme at it`s best.

Was die Kirche den Menschen in der Gemeinde bedeutet hat, ihre Beweggründe, gegen den Verkauf zu demonstrieren, ja sogar die Kirche zu besetzen, wurde häufig, teilweise sogar absichtlich, falsch verstanden. Zu sehen ist diese auch an einigen der Kommentar zum Blog der Bürgerinitiative, welche Anfang der Woche aufschlugen:

Schämen sollten Sie sich, für das was Sie hier anzetteln. Sie beschämen Deutschland wie schon einmal im XX Jahrhundert. Ihre Ernte werden Sie auch bekommen. Eigentlich was lesen Sie in der Freizeit? Die Bibel sollten Sie lesen…

Immerhin eine Meinungsäußerung eines Mitarbeiters der Evangelischen Kirche Deutschlands. Vielleicht sollte er mal in seiner Freizeit das deutsche Grundgesetzt lesen – nötig scheint er es ja zu haben.

Aus gleicher Quelle stammt noch ein Kommentar mit ähnlicher Stoßrichtung:

Die ev. Kirche in D hat ausgedient, wenn doch eine Kirche in einem Asylheim oder Modenschau umgewandelt wird, sagt niemand, aber hier in so einer Situation zeigen Sie was wirklich im Herzen tragen: tiefe Entwurzelung des Glaubens!
Jesus ist jude und ist der Messias Israels!

Auch wenn es mich so sehr ermüdet, es ständig zu wiederholen: Es ging der Bürgerinitiative zum Erhalt der Paul-Gehrardt-Kirche niemals darum, den Verkauf ihrer Kirche deshalb zu verhindern, weil das Gebäude an eine jüdische Gemeinde veräußert werden sollte, sondern darum, den Verkauf überhaupt zu verhindern.

Es ist nicht nur ein weit verbreiteter Glaube, dass eine Lüge durch ständige Wiederholungen zur Wahrheit wird, sondern es bestätigt sich auch durch die gezielte Propaganda derer, die in aller Entschiedenheit für den Verkauf eingetreten sind. Während diese beiden Kommentare wohl freigeschaltet werden, ist dies bei anderen Äußerungen undenkbar. Sie sind dermaßen herabwürdigend, dass sie unmöglich veröffentlicht werden können. Ich erspare mir an dieser Stelle auch, daraus zu zitieren. Den Schreiber dieser Äußerungen müsste eigentlich da Gesicht tiefrot leuchten vor lauter Scham, die sie empfinden sollten.

Mein ganz persönliches Resümee aus den über acht Monaten, in denen ich den Kampf um den Erhalt der Kirche mehr oder weniger beobachtend begleite (als Mitstreiterin der Bürgerinitiative und technischer Betreuer des Blogs fehlte war es wohl eher weniger beobachten, sondern mehr kämpfen) fäll nicht sehr positiv aus. Ich bin enttäuscht über den Verlauf, enttäuscht über das oft fehlende Rückgrat vieler Menschen, die sich täuschen lassen, mehr als enttäuscht von den Vorwürfen des Antisemitismus, die der Bürgerinitiative gemacht wurden. Wenn ich einen Glauben verloren habe, dann den an die Kirche als Institution, was nicht einer gewissen Ironie entbehrt. Viele Jahre lang war ich sehr weit vom christlichen Glauben entfernt, war aber dennoch nicht aus der Kirche ausgetreten, weil ich sie als Institution achtete und mir sicher war, dass mit der Kirchensteuer auch viel Gutes getan würde. Jetzt, wo ich wider ein Stück näher an den Glauben herangerückt bin, setzt die völlige Entfremdung von dem ein, was sich selbst als Kirche bezeichnet. Ob mein erster Schritt, die Umpfarrung, auch der letzte sein wird, oder ob ich mich weiter lösen werde, kann ich noch nicht sagen.

Sicher ist, dass ich einem Herrn Pastor Menzel nicht die Hand geben kann. Vergeben ist wichtig, oft kann und darf man aber nicht vergessen.

Auf einem ganz anderen Blatt steht der Umgang mit den neuen Eigentümern des Gebäudes. Es wird wohl mehr als angemessen sein, sie mit Salz und Brot als neue Nachbarn zu begrüßen.

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