Eskalation erwünscht?

Eskalation erwünscht?

Im Schaukasten vor der Paul-Gerhardt-Kirche (in der Sprache der Amtskirche: Paul-Gerhardt-Zentrum) hängt ein Text zum bevorstehenden Pfingstfest, zusammen mit einem Besen: „Jesus Christus, kehr aus bei uns”. Ich warmir zusammen mit einem Nachbarn darüber einig, dass es eigentlich kehr ein heißen müsste, aber wir können uns natürlich auch irren.

Dieser Besen zusammen mit dem Text bekommt eine ganz andere, unchristlichere Bedeutung vor dem Hintergrund der Kirchenbesetzung. Der Neustädter Gemeinde und der Amtskirche würde es wohl gefallen, wenn die Besetzer einfach mit starker Hand aus der Kirche gekehrt würden. Da fromme Gebete nicht immer helfen, wurde gestern versucht, mit Taten nachzuhelfen. Angeblich eigenmächtig hat der Kirchenmeister der Neustädter, Rolf Kriete, gestern morgen einen Schlüsseldienst zum Austausch alle Schlösser an der Paul-Gerhardt-Kirche beordert. Um dem Einbau zu flankieren und wahrscheinlich auch, um die Besetzer einzuschüchtern, wurde zudem ein privater Sicherheitsdienst engagiert. Fast hat es den Anschein, als wollte man die Besetzer in Beugehaft nehmen, um sie zur Aufgabe zu pressen, denn sie konnten zwar raus aus der Kirche, aber nicht mehr rein.

Am Abend versammelten sich Gegner der Kirchenschließung und ehemalige Gemeindemitglieder, um gegen die Maßnahme zu protestieren. Der Austausch der Schlösser und die Drohgebärde durch den Einsatz von privaten Sicherheitskräften wurde von der Superintendentin Regina Burg als

verständliche Reaktion der Basis vor Ort, die in den letzen Wochen durch die Besetzung hohe Belastung ertragen musste

Da stellen sich doch mehrere Fragen. Zum einen, welche Basis ist wohl gemeint? Doch wohl kaum die Mitglieder der ehemaligen Paul-Gerhardt-Gemeinde, denn die sind mehrheitlich auf der Seite der Besetzer. Zum anderen steht ihre Aussage im Widerspruch zu dem, was Kirchenmeister Kriet behauptet hat:

Es war eine stille Entscheidung von mir.

Keine Basis, sondern ein „Einzeltäter”. Oder verrät uns Frau Burg mehr mit dem was sie sagt, als sie eigentlich wollte? Es fällt schwer sich vorzustellen, das der Kirchenmeister nicht ohne Rückendeckung, nicht ohne seine Vorgesetzen vorher zu informieren, gehandelt hat. Hätte er wirklich eigenmächtig gehandelt, dann wäre sein Vorgehen aus meiner Sicht zumindest eine Rechtsbeugung gewesen. Erstaunlich, dass der Pastor der Neustädter Kirche, Alfred Menzel, dies im Nachhinein noch legitimiert in dem er sagt, Kriet habe im Mandat des Kirchenmeisters gehandelt.

Besonders bitter stößt die Redewendung von Frau Burg auf, es wäre eine „verständliche Reaktion”. Hätte sie das auch noch gesagt, wenn der Sicherheitsdienst mit Gewalt vorgegangen wäre? Oder böswillig: Würde sie das sagen auch noch sagen, wenn die Besetzer mit Steinen beworfen würden? Eine verständliche Reaktion? Sollte die Kirche nicht auf der Seite der Schwachen stehen, um sie zu stärken?

Es sieht so aus, als ob diese Kirche, zumindest hier in Bielefeld, jedes Maß verloren hat. Immer deutlicher tritt zu Tage, dass hier nicht das Kreuz, sondern das Kapital angebetet wird. Eine Form der Machtversessenheit, der christliche Werte untergeordnete und damit negiert werden. Der Einsatz eines privaten Sicherheitsdienstes in diesem Zusammenhang ist eine Schande, von der sich die von Frau Burg repräsentierte Amtskirche nur schwerlich wird reinwaschen können.

Mit dieser Aktion sind die Fronten klarer denn je.Letztendlich wird es wohl auch so sein, dass sich mit dieser Aktion die Befürworter des Verkaufes sehr geschadet habe. Das Presseecho am heutigen Tag war sehr deutlich zu vernehmen. So wurde in der Neuen Westfälischen auf drei Seite darüber berichtet – unter anderem prominent auf der Titelseite. In den nächsten Tagen dürften sich wohl die Anzahl der Sympathiebekundungen für die Besetzer so wie verständliche (um dieses unselige Wort aufzugreifen) Kirchenaustritte mehren.

3 Replies to “Eskalation erwünscht?”

  1. und da soll noch einer behaupten die doppelzungenmoral der kirchlichen institutionen wäre seit dem späten mittelalter überholt.

    grosses kopfschütteln …
    und ein freundlicher sympathisiernder gruss vom niederrhein !!

    joerg

  2. Ich bin herbe enttäuscht von dem Vorgehen der Amtskirche in dieser Sache.

    Allerdings überrascht es mich nicht auch nicht sonderlich (was ich wirklcih, wirklich schade finde).

    Seit einer Freundin von mir mitgeteilt wurde, daß die evangelische Kirche Theologen über Bedarf ausbildet, deshalb leider keine Pastoralstelle für sie bereit stünde und sie nach dem Theologiestudium in die Arbeitlosigkeit entlassen wurde, gebe ich mich nicht mehr der Annahme hin, daß grundlegende christliche Werte in den Führungsetagen der Kirchen wirklich hoch gehalten werden.

    Ich selbst bin zwar katholisch, aber ich befürchte, auch bei uns gibt es viele Beispiele, wo der schnöde Mammon höher gewichtet wird, als als das eigentliche Seelsorgerische Wirken.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren