Digitaler Krebs

Digitaler Krebs

Nach dem ich am Wochenende etwas abstinent und dem Internet fern geblieben bin (es soll ja auch ganz gut ohne mich zurecht kommen, auch wenn das schier unglaublich klingt), bin ich derzeit dabei, die Informationsrückstände der letzten Tage aufzuarbeiten. So wie es aussieht, geht schon wieder das Abmahngespenst. So wurde zum Beispiel die Kochwerkstatt abgemahnt wegen eines 80×80 Pixel großen Ravioli-Bildes.

Früher, als es noch Anstand und Verhältnismäßigkeit gab, hätte Karsten vermutlich einen Brief bekommen mit dem höflich Hinweis, das Bild doch bitte zu entfernen. Oder der sich in seinen Urheberrecht verletzt fühlende hätte zum Telefon gegriffen und in einem Gespräch die Sache geklärt.

Im tollen neuen Zeitalter von Web 2.0 kostet das Ganz dann sofort 699,40 Euro. Viel Geld für etwas, was erwachsene Menschen mit Verstand in Ruhe und ohne Kosten hätten klären können. Aber nein, es muss ja mittlerweile sofort die Abmahnkeule geschwungen werden. Brutal wird auf alles eingedroschen, was fleißige Suchmaschinen zu Tage fördern – den nur dank deren Technik lassen sich Verstöße dieser Art überhaupt feststellen.

Ich stell mir gerade vor, wie das damals in der Schule war, als ich für die Schülerzeitung geschrieben habe und wir in der Redaktion auch Bilder irgendwo ausgeliehen haben. Das hat wirklich niemand gestört, zumal es auch absolut unwahrscheinlich war, dass eine Schülerzeitung eines Gymnasiums in einer Provinzstadt überhaupt so viel Aufmerksamkeit erzeugt hätte (auch wenn wir damals natürlich das Gegenteil geglaubt haben), dass die darin enthaltenden Bilder aufgefallen wären. Schlicht auf den Punkt gebracht: die Schülerzeitung wäre in der Regle nicht gefunden worden.

Im Gegensatz dazu steht das Internet mit der Möglichkeit, alles was gefunden werden soll, auch finden zu lassen – bequem und automatisch kann so nach von Leute nach Urheberrechtsverletzungen gesucht werden, die damit Geld verdienen.

Auf die Freiheit des World Wide Webs folgt die Selbsteinschränkung, die Angst vor Überwachung, Zensur und Abmahnung. Die digitale „Revolution” frisst ihre Kinder.

Meiner Meinung nach entwickeln sich Abmahnung zu einer Art digitalem Krebs. Ein wucherndes Geschwür, das vom Organismus nährt, wächst und immer mehr gesundes Gewebe überwuchert. Fragt sich dann allerdings, wie eine Therapiemöglichkeit aussehen würde.

5 Replies to “Digitaler Krebs”

  1. Ich bin ja selber vor kurzem mit einer nicht grade unbeträchtlichen Summe abgemahtn worden und bin dementsprechend auch kein Freund solcher Geschäftspraktiken. Allerdings muss man ja einfach sagen dass ich es in diesem Falle schon prinzipiell okay finde. Man darf halt nicht einfach Bilder, Texte o.ä. von anderen Leuten nehmen und weiterverwenden. Eine Frage die sich sicherlich stellt ist die Wertigkeit eines Ravioli-Bildes…aber wer entscheidet welches Bild, welcher Text etc. hochwertig ist und nicht einfach so weiterverbreitet werden darf? Wenn ich sehe dass jemand etwas von mir benutzt(was ich textlich problemlos in die Kategorie unwertig einstufen würden) wäre mein erster Weg mit Sicherheit erstmal rein privat eine Mail zu schreiben und mehr oder weniger freundlich darum bitten das sein zu lassen. Allerdings sieht man ja daran das die Leute da regelrechte Abmahnwellen starten dass sich sehr viele Leute einfach so den Plunder nehmen und das es dann nervt kann ich auch nachvollziehen.
    Wiegesagt, ich finde sowas auch albern, aber schon nachvollziehbar. Man darf halt nur nicht in dem Zusammenhang daran denken dass es sich nur um ein Bild von Raviolis handelt. Das nur kann halt nciht fest definiert werden.

  2. ach, eigentlich ist das doch ganz einfach. esst das zeug nicht mehr, blockiert und ignoriert die produkte dieser abmahnfetischisten und ruck zuck geht denen der a… so auf grundeis dass alles ruhig bleibt.
    und macht es publik !!

  3. @Jörg: Ähm, sollen wir verhungern? Oder gar wieder selbst zu Jäger und Sammlern werden? Denn ich glaube fast, dass es leider kaum noch ein Produkt gibt, das von diesem „Problem“ nicht schon betroffen ist.

    Ernsthaft, wenn da unsere Obrigkeit nicht endlich einen Riegel vorschiebt und solch schwachsinniges Gehabe untersagt oder zumindest mit gesundem Menschenverstand regelt, wird das noch böse enden bzw. IMHO das Internet über kurz oder lang endgültig zu einer reinen Werbeplattform verkommen …

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren