Glaube 2010

Wie der teilweise doch schon etwas sinnfreien Werbung für das „Event” zu entnehmen ist, steht der nächsten evangelische Kirchentag vor der Tür – diesmal in Köln. Die Kirche, so wird einem glauben gemacht, stehe an einem Punkt, wo sie ihr Profil schärfen müsse. Wozu ja auch die mit ins Boot geholte Unternehmensberatung helfen soll.

Was aber bewegt die Menschen abseits der kirchenbürokratischen Strukturen tatsächlich in ihren Herzen? Es ist nicht sogar so, dass sich zwischen Atheismus und dem offiziellen Christentum der beiden großen Amtskirchen eine Form von Glauben manifestiert hat, die viel eher christlich im eigenen Sinne ist?

Im SZ-Magazin von letzter Woche fand sich ein sehr interessanter Artikel zum Ausverkauf der Kirche und zum Verlust ihrer Mitglieder: „Korinther 9,99 €” von Christian Nürnberger. Darin ein Gedanken, der die Misere treffend auf den Punkt bringt:

Jesus lebt – das ist heute keine Gewissheit mehr, die das Dasein der Christen beflügelt. Der Satz dient nur als Geschäftsgrundlage einer Funktionärskirche, als gemeinsame Grundlage, an die man besser nicht rührt, denn niemand könnte heute verbindlich sagen, was er eigentlich bedeutet.

Meine eigenen bisherigen Erfahrungen waren fast immer die, das Kirche erdrückend ist. So erdrückend, dass sie den Glauben erstickt. Was, und diese Frage stelle ich mir immer wieder, hat Kirch mit Glauben zu tun? Bietet sie einen Raum für Menschen, für Gott? Oder schnürt sie ein Korsett um die natürliche Religiosität und versucht diese in kontrollierte Bahnen zu lenken?

Ein gemeinsamer Glaube ist sicher etwas, was verbindet, verbinden kann. Gemeinschaft, gerade auch bezogen auf Religion, kann einen Gegenpol zu Hedonismus, zur grenzenlosen Erhöhung des eigene Ichs über die Köpfe andere hinweg, bilden. Da kein Mensch ohne Fehl und Tadel ist, benötigt eine Gemeinschaft Regeln – selbst eine Glaubensgemeinschaft.

Irgendwo auf dem langen Weg von den Urchristen zu Kirche von heute sind aber die Regeln zum Selbstzweck geworden. So zumindest fühlen die meisten Menschen, die ihrer Kirche den Rücken gekehrt haben. Diese Abkehr wird oft falsch verstanden als Abkehr vom Glauben. Dabei ist sie nichts anderes als eine stumme Anklage, ein nicht mehr einverstanden sein mit den Strukturen, die den Glauben behindert statt ihn stärken.

Ich denke, es gibt sogar, um es überspitzt zu formulieren, viel mehr Christen als es den Kirchen recht ist. Nur passen die meisten nicht zur offiziellen Auslegung dessen, was als Christ zu gelten hat. Für mich ergeben sich zwei entscheidende Fragen. Zum einen die, wie das eigene christliche Verständnis abseits der Kirche gelebt werden kann. Zum anderen die Frage, die sich in meinem und in vielen anderen Fällen die (evangelische) Kirche stellen sollte: Wie bekommen wir diese Menschen wieder mit in unser Boot? Es wären doch eigentlich genau die Menschen, die es wieder flott machen könnten.

Die Kirche benötigt keine Unternehmensberatung, kein Produktmarketing für den Glauben. Was der Kirche wirklich fehlt, ist das Salz der Erde.

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