Ein höfliches Untier

Am Tag danach waren im Wohnzimmer noch die letzten Spuren einer nackten Seele zu finden. Der Körper selbst hatte sich gehäutet. Das rohe Fleisch hockt ein einer Ecke im Keller und heulte vor sich hin. Vom Fenstersims schauten zwei Kohlenstücke nach draußen, konnten in der Finsternis des Tages aber nur flüchtige Blicke auf tote Augen erhaschen.

Würde der Tag sich fortbewegen, hätte die Hoffnung am Ende das Pokerspiel doch noch gewonnen. So aber bleibt jeder Moment wie fest verwurzelt auf seinen Platz.

Eine andere Straße. Beim Bäcker um die Ecke stehen die Kunden Schlange. Zwanzig junge Brötchen, dazu eine Tüte Lippenstift. Preise wie mit dem Strich gezogen. An der Ladentür riecht es nach warmen Urin. Kalter Wind treibt weiter. Vorbei an Schulen, die Erziehungs Anstalten sind. Freie Gedanken werden in Holzkisten fortgeschleppt.

Auf einem Pausenhof hockt unterm Kastanienbaum das Untier und schlürfte die Reste aus einer längst abgelaufenen Kakaotüte. Wir sind uns noch nicht vorgestellt worden. Nach dem Begrüßungsritual, dem Austausch von Höfflichkeiten, der obligatorischen Frage, wie es einem gehen würde, frisst es mich mit Haut und Haaren auf. Meinen letzten Gedanken verschwende ich an die Wohnung. Habe ich die Fenster auch zu gemacht? Es könnte noch Regen geben.

Im Wohnzimmer sind die Spuren vollends verblasst. Nur Stille dringt aus dem ansonsten leeren Keller, der sich erst langsam wieder mit Angst füllen wird.

Das Untier geht gesättigt an der Bäckerei vorbei, wo immer noch Kunden stehen. Dabei ist der Laden längst geschlossen, die Brötchen alle bei ihren Freiern. Ein paar ihm bekannte Menschen in der Schlange grüßt das Untier höfflich, bevor es weitergeht, meinen Wohnungsschlüssel in der Tasche. Gut, dass nun doch jemand die Fenster zumachen wird.

Kommentar verfassen