Gesichter der Armut

Das Armut in Deutschland viele Gesichter hat, dürfte wohl nichts neues sein. Oft ist auch so, dass es gar nicht notwendig ist, konstruierte Fälle zu nehmen, um beispielhaft die Folgen der Ungleichverteilung zu verdeutlichen. Manchmal wohnt die Armut nur ein Stockwerk tiefer.

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich wirklich darüber schreiben soll. Schließlich lassen sich über meine Daten auch Rückschlüsse ziehen und die Menschen ausfindig machen, über die ich schreibe. Web 2.0 und die ständige Verletzung von Persönlichkeitsrechten wäre auf jeden Fall ein Thema für sich.

Wenn ich im folgenden über zwei unser Nachbarn schreibe, dann ist mir diese Verletzung im Gegensatz vielleicht zu vielen anderen, durchaus bewusst. Ich nehme sie aber in Kauf, verbunden mit der Hoffnung, dass der Fall in aller Deutlichkeit vor Augen führt, was Armut mit Menschen macht.

Zur Sache also. In dem Haus, in welchem Nadine und ich zur Zeit wohnen, lebt unter uns ein Ehepaar an der Grenzen zum Rentenalter (wenn sie nicht sogar schon leicht darüber sind). Ihnen steht sehr wahrscheinlich demnächst die Zwangsräumung bevor, da sie seit längerer Zeit die Miete nicht mehr gezahlt haben. Der Gerichtsvollzieher soll auch schon mehrfach zu Besuch gewesen sein.

Angefangen hat das Drama vor Jahren, als sich der Mann dazu entschlossen hat, sich als Unternehmensberater selbständig zu machen. Seine Frau hat gleichzeitig ihren sichere Stelle gekündigt. Die Selbständigkeit hat sich leider nicht so entwickelt, wie es geplant war. Irgendwann waren dann die finanziellen Reserven vollständig erschöpft.

Nadine und ich, die wir in dem Haus noch nicht sehr lange wohnen, bekommen jetzt nur die Endphase mit. Das was weiter zurück liegt, wird uns von einer anderen Nachbarin, die schon länger im Haus wohnt, zugetragen. Mitbekommen haben wir, wie die beiden Anfang des Jahres ihr altes Auto verkaufen mussten.

Aufgefallen ist uns auch, dass sie fast nie im Hausflur oder anderswo anzutreffen sind. Sie trauen sich nicht mehr aus der Wohnung. Erzählt wiederum wurde uns, dass die beiden auf Grund von falschen Stolz jegliche Hilfe von außen ablehnen. Hilfe, die dringend notwendig wäre. Nicht mal Wohngeld oder Hartz IV haben sie beantragt. Bitte jetzt kein leichtfertiges „Selber Schuld!”.

Als mitfühlender Nachbar mach ich mir schon so meine Gedanken. Kann ich helfen? Wie könnte ich helfen? Ist es überhaupt möglich zu helfen, wenn die Annahme der Hilfe verweigert wird? Unsere Nachbarin, mit der wir Tür an Tür wohnen, kennt das ältere Ehepaar schon länger. Früher verstanden sie sich recht gut. Jetzt, so erzählte uns die Nachbarin, findet sie keinen Zugang mehr. Die beiden verschließen sich aller Hilfe, haben den Kontakt zu den Nachbarn abgebrochen.

So wie es aussieht, wird es dann also wirklich zur Zwangsräumung kommen, die eigentlich nicht notwendig wäre.

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