Selbstmordversuche, Teil II

Selbstmordversuche, Teil II

Während andere schon vom Thema abgesprungen sind, bleibt es mir nicht erspart, noch mal ein paar Sätze über Selbstmordversuche zu schreiben. Gestern Abend wäre ich eigentlich um 19:00 Uhr zu Hause gewesen. Wie schon mit dem tückischen Wort eigentlich angedeutet, kam es natürlich anders.

Der Essener Bahnhof hat ja durchaus was gemütliches, besonders dann, wenn Reisende eine Stunde länger als geplant auf kalten Bahnsteigen stehen und darauf warten, dass endlich wieder der normale Zugverkehr aufgenommen wird. Der wurde gestern, wie es so schön in den Lautsprecherdurchsagen hieß, aus Gründen polizeilichen Ermittlungen um Essen herum geleitet. Von anderen Mitreisenden, die vor Büroschluss noch Radio gehört hatten, war zu erfahren, was sich der bürokratischen Formulierung verbirgt.

In Essen-West stand eine 21-jährige Frau auf der Brücke und wollte hinunter auf die Gleise springen, weil ihr Freund sie verlassen hat. Bei der Anzahl der Beziehungen, die täglich in Deutschland in die Brüche gehen, würde wohl der gesamte Bahnverkehr zum Erliegen kommen, wenn Selbstmord wirklich ein Ausweg wäre.

Die Selbstmordversuche sind eher ein Davonlaufen, ein Hilfeschrei. Wer zögert, will eigentlich nicht wirklich seinem Leben ein Ende setzen. Den Reisenden, zumal den täglichen Pendlern, ist das im Grunde egal. Für sie ist das nur eine Unterbrechung, ein Ärgernis auf dem Weg ins Büro oder von dort wieder nach Hause. Wer abends müde nach einem langen Tag ist, dem fehlt oft auch das Verständnis für die Tat oder die beabsichtigte Tat.

Die zynischen bedauern dann, das es aus der Mode gekommen ist, sich in der heimischen Wohnung gepflegt in den Kopf zu schießen oder sich in einer Hotelbadewanne zu ertränken und somit nicht so große Turbulenzen zu erzeugen. Oftmals fallen Sätze wie

Kann die sich nicht im Wald aufhängen?

oder

Tabletten wäre doch besser gewesen.

Je kälter es auf den Bahnsteigen wird, desto kälter werden auch die Herzen der Menschen. Gerade der öffentliche Selbstmordversuch ist doch der verzweifelte, letale Versuche, Aufmerksamkeit zu bekommen, die vorher abhanden gekommen ist.

Sicher, mir war auch kalt, ich habe mich auch geärgert, später zu Hause zu sein – wobei ja nie genau klar ist, wie viel später es sein wird, wenn der Einsatz der Polizei noch andauert. Trotzdem aber ist die Selbstmörderin oder der Selbstmörder ein Mensche, der unseres Mitgefühls bedarf.

Mitgefühl ist in diesem Land jedoch nur noch auf Haustiere und Kinder in Afrika reduziert, denen einmal im Jahr was gespendet wird, um sich von seinem schlechten Gewissen zu befreien, während der Obdachlose an der Straßenecke erfriert.

3 Replies to “Selbstmordversuche, Teil II”

  1. „Mitgefühl“ ist das prägenste Wort was mir in diesem Jahr untergekommen ist; allein es muß leider permanent mit dem Wort „fehlend“ vorneweg geschrieben werden. Hier kann ich nur mal einen Blick in den Buddhismus empfehlen, besonders auf Avalokiteshvara, den Boddhisatva des umfassenden Mitgefühls. Vielleicht lernt der ein oder andere mal ein wenig daraus.

    Und für das „arme“ Mädchen und alle anderen, ich hoffe alles wird gut !!

  2. Ich bin der Meinung, es ist das Recht jeden einzelnen zu entscheiden, ob er/sie sich umbringen will oder nicht. Man kann sicherlich darüber streiten, ob es vielleicht wirklich ein sinnloses Leben ist oder aber ob es doch Auswege gibt. Selbstmord ist immer eine endgültige Lösung für ein meist temporäres Problem. Doch das muß jeder mit sich selber ausmachen, ich denke nicht, daß hier jemand anderes ein Recht hat, die eigene Entscheidung in Frage zu stellen. Allerdings, und da teile ich Thomas Ansicht, sollte man dabei bitte nicht vergessen, daß man unter Umständen andere Menschen damit reinzieht und das finde ich dann hochgradig egoistisch. Wenn man sich zu einem solchen Schritt entschließt, dann sollte man versuchen den Schaden bei allen Beteiligten so gering wie möglich zu halten. Damit meine ich nicht nur offensichtlich Beteiligte, wie einen Zugführer, sondern zum Beispiel auch diejenigen Personen, die einen dann auffinden. Es ist sicherlich kein schöner Anblick jemanden vorzufinden, der sich umgebracht hat, aber ich denke hier sollte man wirklich verantwortungsvoll damit umgehen, wie man sich das Leben nimmt. Die meisten „egoistischen“ Selbstmorde geschehen meiner Erfahrung nach eh aus „Rache“ und für ein solches Motiv empfinde ich nichts als Abscheu.

  3. also : mir geht es gerade so .. ich will nicht mehr leben ..alles nimmt einmal ein ende
    und wisst ihr überhaupt was menschen in die lage bringt sowas zu tun? ya oftmals ist es ein hilfeschrei aber meistens sind diese menschen einfach nur am ende ..weil sie alles verlieren was ihnen etwas bedeutet ..oder noch schlimmer..sie werden sowieso bald sterben und es soll qualvoll sterben ..wer bitte kann denn da erwarten das menschen sowas durchstehn ..nur um anderen kein leid zu zufügen mit ihrem rückzug aus dieser welt..?!
    glaubt mir ihr müsst euch erst selbst so fühlen ..um es zu verstehen

Kommentar verfassen

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren