Spring doch!

In diesen Tagen nehmen wir mit Erschrecken zur Kenntnis, wie weit die Verrohung der Gesellschaft schon vorangeschritten ist. Eine junge Frau in einer Extremsituation ihres Lebens, welches sie zu beenden gedenkt, steht auf dem Dach eines zwanzigstöckigen Hauses. Unten auf dem Vorplatz stehen Menschen, die sie anfeuern.

Unter anderem rufen sie

Spring doch endlich, uns wird langsam kalt

Zeitungsberichten zu Folge sollen es am Ende über Hundert gewesen sein, die in der Hoffnung auf einen spektakulären Abgang vor dem Rathaus in Lörrach verharrten. Der Polizei gelang es mit Hilfe psychologisch geschulter Kräfte, die Frau vom Selbstmord abzuhalten.

Während also die „ordentlichen Bürger” von Lörrach nichts taten, um den schaulustigen Mob zu stoppen, war es eine Gruppe von Obdachlosen, die Zivilcourage zeigten und die Menge aufforderten, zu verschwinden und die Frau in Ruhe zu lassen. Obdachlose? Sind das nicht die, die am Rande unserer Gesellschaft stehen?

So wie es aussieht, sind sie es, die uns den Spiegel vorhalten, die zwar keine Wohnung mehr haben, aber dafür noch Würde. Die, vielleicht sogar auf Grund ihrer eigenen Situation, Menschlichkeit besitzen, die anderen abhanden gekommen zu sein scheint.

Aber wie das so ist, erträgt es der „anständige” Bürger nicht, wenn ihm der Spiegel vor die Nase gehalten wird. Die Polizei berichtet davon, dass eine Gruppe Jugendlicher die Obdachlosen verprügelt hätte – vermutlich auch aus Frust darüber, dass sie um ihr „Vergnügen” gebracht worden sind.

Was folgte, war eine wilde Schlägerei, die erst durch den massiven Einsatz von Polizeikräften beendet werden konnte.

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