Ich hatt‘ einen Kameraden

So genau weiß es wohl keiner, was der Bundeskanzlerin am vergangenen Samstag vor dem neuen Videocast durch den Kopf ging. Passend zum Thema wäre wohl ein schmissiges Soldatenlied nicht verkehrt gewesen.

Ich hatt‘ einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite

denn in der neusten Folge von „Angela versucht was mit Medien” geht es um den Libanon-Einsatz der Bundeswehr. So ganz will der dem Volk nicht gefallen, weil es fürchtet, dass dabei Soldaten fallen. Die Gelegenheit also für Frau Merkel, sich ins rechte Licht zu rücken. Ob ihr das geglückt ist, wird sich im Folgenden zeigen.

Die Standpauke

In der ersten Einstellung präsentiert sich die Bundeskanzlerin wieder stehend. Flankiert von Deutschlandfahnen und einer europäischen Fahne hat sie ihre Hände wie zum Gebet gefaltet (vermutlich gab es vor der Aufnahme eine kurze Gedenkminute für die Soldaten). In technischer Hinsicht ist die dritte Folge ein Rückschritt. Die Tonspur ist wieder übersteuert und hat zeitweise wieder einen unangenehmen Echoeffekt. Die Hintergrundkulisse wirkt, abgesehen von den Fahnen grau und steril, wie ein typischer, vielleicht etwas zu groß geratener Flur in einer Finanzbehörde. Auf der anderen Seite passen Krieg und Bürokratie recht gut zueinander. Und wenn der deutsche Soldat sich wieder mal im Ausland schlägt, wäre es auch völlig unangebracht, den Podcast beispielsweise vor einem Swimmingpool aufzuzeichnen.

Wie dem auch sei, wenn die Bundeswehr so ihre Aufgaben vor Ort erfüllen würde, wie Angela Merkel ihre Sätze betont, dann, so hätte mein Großvater gesagt, würde der Russe morgen mit seinen Panzern in Berlin stehen. Der Kalte Krieg ist aber vorbei und Russland ist ein beliebter Partner für die Versorgung ehemaliger Politprominenz.

Der Satz

Die Bundesregierung hat in dieser Woche eine wichtige Entscheidung getroffen.

So ein dicker Fisch

hinterlässt dennoch auf dem Feld der Sprache nur verbrannte Erde. Die fast spürbare Konzentration beim Versuch, das Wörtchen wichtig ganz wichtig zu betonen, das Scheitern in letzter Sekunde – beinah schleicht sich so was wie Mitleid mit der Bundeskanzlerin ein. Mit der Betonung würde sie in einem Wahrenhaus nicht mal Schmuck vom Wühltisch verkauft kriegen, auch wenn das Personal, das dort die sagenhafte günstigen Goldketten, Halbedelsteine und ähnlichen Ramsch verscherbelt, ähnlich schlecht ins Mikro spricht.

Lassen wir aber die wenig schmeichelhaften Vergleichen und hören ihr weiter zu:

Wir bitten den Deutschen Bundestag um Zustimmung, Soldatinnen und Soldaten der Marine in den Nahen Osten zu senden, um dort die Seeküste des Libanon zu schützen.

Der Hall lässt den zweiten Satz wie eine von der Kanzel gesprochene Predigt, nein Fürbitte wirken. Inhaltlich betrachtet ging die Sache ja bereits im Vorfeld durch die Presse. Der Schutz der Küste. Am besten im großzügigen Abstand zum Festland. Vermutlich kontrolliert die deutsche Marine dann islamistisch aussehende Fische und Muscheln, die versuchen Sprengstoff zu schmuggeln. Mit etwas Glück singt vielleicht ein Öltanker, so dass die Soldatinnen und Soldaten zusammen mit Greenpeace den Strand säubern können.

Spaß beiseite und die Ohren wieder gespitzt:

Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht, weil wir wissen, dass viele Menschen fragen: „Ist das wirklich notwendig?“

An der Stelle wirkt es, als ob die Bundeskanzlerin noch einen Termin im Anschluss gehabt hätte, denn sie drückt aufs Tempo. Dabei fließen dann schon mal Wörter ineinander. Aus „nicht leicht” wird „nichtleicht” Wie immer hebt Frau Merkel hervor, wie schwer der Bundesregierung jede politische Entscheidung fällt. Die Bestellung von neuem Toilettenpapier wird mindestens so ausgiebig diskutiert wie der Auslandseinsatz der Bundeswehr. Hoffen wir mal nur, dass die Bundeskanzlerin zumindest diesmal ohne Globus weiß, wo der Libanon liegt.

Sehr auffällig diesmal ist auch der Versuch, das gesprochene Wort durch Körpergesten zu begleiten. Leider bleibt es auch hier beim Versuch, denn die Handbewegungen der Kanzlerin wirken hölzern und deplaziert – auf der anderen Seite kann es natürlich auch sein, dass Angela Merkel sich in der Gebärdensprache übt, denn wenn die ersten deutschten Soldaten waagerecht zurück kommen, werden ihr sicher die passenden Worte fehlen.

Noch besser kommt es mit dem folgenden Satz:

Und: „Ist das nicht zu gefährlich für unsere Soldaten?“

Mein Gott die Armen! Die müssen doch tatsächlich Waffen in die Hand nehmen! Wer hätte das gedacht? Damals, als ich meine Verweigerung geschrieben habe und dann den Zivildienst antreten durfte, wussten die, die sich fürs Krieg spielen entschieden hatten noch, dass Soldat etwas ist, wo im Ernstfall der Einsatz zur Verteidigung der Interessen des Vaterlandes das eigene Leben ist. Krieg ist von Natur aus gefährlich und der Tod gehört bei Soldaten zum Berufsrisiko. Im Libanon kommt keine Kindergärtnerin und nimmt dem Jussuf das Gewehr weg, wenn er auf deutsche Soldaten zielt.

Ich darf Ihnen sagen, dass wir bei dem Mandat darauf geachtet
haben, dass das Risiko kalkulierbar ist, dass wir unsere Soldaten in einen Einsatz schicken, der wirksam ist und die Aufgabe, Waffenschmuggel zu unterbinden, auch wirklich erfüllen kann.

Termin bei der Truppenrztin

Putzig. Die Bundeskanzlerin darf uns was sagen. Wer hat es ihr denn erlaubt? Gibt es so was wie ein kalkulierbares Risiko? Das wird dann wohl ähnlich wie bei gentechnisch veränderter Nahrung oder eben Atomkraftwerken sein. Per Abzählreim wird dann bestimmt, wann und wo es knallt und wer tot umfallen muss. Um den Waffenschmuggel wirksam zu unterbinden, müsste die Marine vermutlich gar nicht vor der libanesischen Küsten patrolieren. Es würde reichen, wenn in deutschen Häfen die Frachtschiffe besser kontrolliert würden, denn wer weißt, vielleicht sind einige Unternehmen aus unserem Land mal wieder ganz dick im Waffengeschäft dabei.

Vermutlich hat auch der Kameramann den Satz nicht so ganz verstanden, denn er bewegt sich mit seinem professionellen Equipment (vermutlich die digitale Videokamera MD 42325 von Medion) auf die Bundeskanzlerin zu.

Wenn Sie fragen, ob das notwendig ist, so müssen wir heute erleben, dass wir alle in einer Welt sind, die eng vernetzt ist, und die Sicherheit in Deutschland hängt auch von der Sicherheit in anderen Regionen der Welt ab.

Fehlt da was im Abschnitt? Nein, dass hat sie tatsächlich so abgelesen. Das ist kein Satz, sondern eine humanistische Katastrophe! Wo bleiben die Deutschlehrer mit Blauhelmen?

Der Satz, noch mal zum Verständnis in seine Bestandteile zerlegt und von hinten aufgezäumt: Die Sicherheit in Deutschland hängt von der Sicherheit in anderen Regionen der Welt ab, wenn der Bürger fragt, denn dann wird er erleben, dass alles vernetzt ist. Ein Netz, in dem sich auch schon mal Sprachakrobaten verhäddern können.

Der Nahe Osten – das ist unsere Nachbarregion und deshalb ist es in unserem Interesse, dass hier Frieden herrscht und nicht Waffenauseinandersetzungen stattfinden, wie wir sie im Sommer erlebt haben.

Vielleicht hätte Frau Merkel doch noch mal vorher auf ihren tollen Globus schauen sollen. Warum aber Frieden in unserem Interesse sein soll, dass bleibt noch im Unklaren. Dabei lässt sich doch gerade mit Krieg im Nahen Osten Geld verdienen und auch hierzulande Arbeitsplätze sichern.

Ich glaube, auch Sie waren erleichtert, als es uns endlich gelungen war, einen Waffenstillstand zu vereinbaren.

Wow! Wer hätte das gedacht? Die Bundesregierung unter Angela Merkel hat den Waffenstillstand vereinbart. Wobei – befand sich Deutschland eigentlich im Krieg?

Jetzt geht es darum, diesen Waffenstillstand dauerhaft zu machen, und ich weiß, dass militärische Einsätze dafür nur einer von vielen Beiträgen sein können.

So, die Bundeskanzlerin weiß was. Mal was ganz neues. Den meisten Menschen in Deutschland werden sich sicher die Nackenhaar sträuben, wenn sie das Wort Beitrag hören, da sie damit noch was ganz anderes verbinden. Wie wärs, Frau Merkel: Noch mal ein Prozent auf die Mehrwertsteuer drauf, zur Sicherung des Friedens in Krisenregionen (und 20 Prozent ist ja eh eine runde Zahl, die viel besser aussieht).

Aber ohne die Hilfe unserer Soldatinnen und Soldaten und der aus anderen Ländern wird die Waffenruhe nicht einzuhalten sein.

Genau Waffenruhe. Abends ab 22 Uhr ist Schluss, dann wird geschlafen. Erst ab 5.45 wird wieder zurückgeschossen.

Was jetzt kommt

sind nicht die Lottozahlen, sondern

ist natürlich der zusätzliche politische Prozess, das heißt Deutschland wird zusammen mit anderen Ländern alle Kraftanstrengungen unternehmen, damit die Konflikte des Nahen Ostens wirklich gelöst werden.

Was für hohe Ziele. Aber jede Regierung hat das Recht, sich selber die Hürden zum scheitern selber zu setzten. Die Konflikte im Nahen Osten werden sich nicht so schnell lösen lassen. Weder durch den Truppeneinsatz, noch durch politische Prozesse, bei denen es den Akteuren am grundlegenden Verständnis der Problematik mangelt, denn das:

Dazu gehört für mich vor allen Dingen der Konflikt zwischen Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten.

greift viel zu kurz und ist nur einer von vielen Aspekten, die die gesamte Region schon seit Jahrzehnten destabilisiert haben.

Wir wollen das Existenzrecht Israels stärken, und wir wollen gleichzeitig, dass wir eine Zweistaatenlösung erreichen, damit auch das palästinensische Volk sein Leben in Wohlstand und Ruhe gestalten kann.

Mein Name ist Hase

Ein ganz dünnes Eis, auf das sich Frau Merkel mit diesem Satz begibt. Das Existenzrecht Israels steht außer Frage. Die Hervorhebung, dass das Existenzrecht Israels gestärkt werden soll ist unnötig und kann zu Missverständnissen führen. Von einer Zweistaatenlösung ist die Region noch weit entfernt. Diese kann auch nur erreicht werden, wenn Israelis und Palästinenser endlich lernen, aufeinander zu zu gehen und sich im friedlichen Umgang miteinander üben.

Selbst wenn das geschafft würde, wäre der Wohlstand des palästinensische Volk noch immer nicht erreicht. Auf welcher Basis auch soll er denn entstehen? Wüstensand lässt sich schlecht exportieren.

Wir wissen, dass es ungelöste politische Probleme zwischen Israel und dem Libanon gibt, und wir wissen, dass es Feindschaft mit anderen Nachbarstaaten in der Region gibt.

Wieder zu kurz gefasst. Es sind nicht nur die politischen Probleme, sondern hinzu kommt auch noch, dass dort zwei Religionen aufeinander treffen und wie bereits erwähnt, das wirtschaftliche Ungleichgewicht und die Knappheit an natürlichen Resourcen.

Deshalb muss ein Friedensprozess in Gang gesetzt werden, bei dem
Deutschland eine aktive Rolle spielen will, insbesondere auch, wenn Deutschland im ersten Halbjahr 2007 die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt.

Deutschland, Deutschland. Zweimal in einem Satz. Sind wir so wichtig für die Lösung der Probleme im Nahen Osten oder markieren wir wieder den starken Mann (alternativ auch den reichen Onkel mit den Spendierhosen)? Oder geht es darum, ein paar Prestigepunkte zu sammeln?

Insgesamt sind wir zu der Entscheidung gekommen, dass ein solcher Einsatz
unserer Soldatinnen und Soldaten notwendig ist.

Da sind wir dann wieder bei der Anfangs bereits erwähnten Entscheidung, ohne dass uns die Bundeskanzlerin plausible Gründe dafür genannt hat.

Richtig wirksam kann er allerdings nur werden, wenn wir ihn flankieren mit politischen Anstrengungen, die uns in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen werden. Deutschland will dabei seinen politischen Beitrag leisten.

Falsches Fazit. Nicht Deutschland, sondern die derzeitige Bundesregierung ist gewillt, dazu einen politischen Beitrag zu leisten.

Insgesamt gesehen überzeugt auch dieser Videocast weder inhaltlich noch technisch. Eins ist aber der Bundeskanzlerin anzumerken. Sie ist unbestechlich. Sie nimmt nicht einmal gute Ratschläge an.

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