Schlaflos im Kanzleramt

Schattenkanzlerin

Da ist er nun, der erste Videopodcast unserer Bundeskanzlerin. Viele werden jetzt sagen, es hätte schlimmer kommen können. Seien wir ehrlich. Nicht jeder Politiker kann fehlerfrei von einem Teleprompter ablesen. Bundespräsident Host Köhler hat uns zur Jahreswende bewiesen, wie schnell jemand zum Gespött werden kann.

Aber mal ganz ehrlich: Wozu ein Videopodcast, wenn die meiste Zeit fast kaum eine Bewegung zu bemerkeln ist? Vermutlich sollen die Bilder nur verhindern, daß die Bürger zu Hause an den Volkscomputern betört durch die monotone Stimme einschlafen.

Seien wir aber nicht ungerecht, schließlich ist es ihr erster Podcast. Da sollte ruhig mal ein wenig Unprofessionalität erlaubt sein – schließlich ist es ja auch Merkels erstes Jahr als Bundeskanzlerin, wo dies doch auch auf die Politik der Bundesregierung zutrifft.

Dankenswerter Weise steht der von Frau Merkel abgelesene Text (hier gilt eigentlich das, was für jedes Referat in der Uni gilt: lesen kann ich selber, also bitte etwas mehr Pep in den Vortrag!) im Original zur Verfügung, so das sich der interessierte Bürger ein zweites anhören – unmöglich, all die wichtigen Aussagen auf Anhieb zu verstehen – ersparen kann.

Schauen wir uns den Text doch mal näher an

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
jetzt geht es los – der Anstoß zur Fußball-Weltmeisterschaft steht unmittelbar bevor. Millionen haben auf diesen Augenblick gewartet – nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt.

Ein toller Anfang. Er macht sofort wieder die Ausgrenzungspolitik unserer Bundeskanzlerin deutlich. Es gibt auch Millionen von Menschen (einer davon tippt gerade diese Zeilen), die null Interesse an Fußball und an der Fußballweltmeisterschaft haben. Wenn es einen Augenblick gibt, auf den ich warte, dann ist es der 10. Juli, wenn der Rummel wieder vorbei ist. In meiner Schäbigkeit würde ich mich dennoch über den Sieg der Nationalmannschaft freuen. Allerdings nicht über den der deutschen Mannschaft, sondern über den des niederländischen Teams. Ich würde Szenen wie diese so gerne in Wirklichkeit sehen.

Bevor ich jetzt weiter ins Schwärmen verfalle, kehren wir lieber wieder zurück zum Text:

Vor dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica bin ich noch einmal mit Jürgen Klinsmann und unserer Nationalmannschaft zusammengetroffen.

Für meine Ohren klingt das nicht nur steif, sondern auch falsch. Das im Detail zu beurteilen, überlasse ich den Germanisten. Ich für meinen Teil hätte lieber eine andere Formulierung gewählt.

Sie wissen: Die Fans sind der zwölfte Mann auf dem Platz.

Tja, ich hoffe das hat jetzt auch mal Alice Schwarzer mitbekommen. Das ihre geliebte Bundeskanzlerin die Emanzipation so mit Füßen tritt (scheinbar hat sie die mit einem Ball verwechselt, was so kurz vor dem Eröffnungsspiel schon mal passieren kann). Auf unschöne Assoziationen und Sprachspiele verzichte ich mal aus Fairnessgründen. Der Satz ist so wie er ist schon ziemlich missglückt, da muß nicht auch noch Schindluder mit getrieben werden.

Wir freuen uns auf Gäste aus allen Erdteilen und wollen mit ihnen ein großes Fest feiern. Friedlich und fröhlich.

Die, die weniger fröhlich oder friedlich sind, kommen in den speziellen Genuss der erweiterten Sicherheitsmaßnahmen zur WM. Da feiern dann die Einsatzkräfte vor Ort ein großes Fest. Mit Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken. Wenn solche Bilder ins Ausland übertragen werden, ist uns ein großes Echo garantiert.

Deutschland ist ein weltoffenes, ein modernes und ein lebendiges Land.

Da fehlt die Fußnote mit der Anmerkung, daß weltoffen nur für Gäste gilt, die auch brav wieder nach Hause fahren. Alles andere sind schließlich Einwanderer und mit denen haben wir unsere ganz spezielle deutsche Umgehensweise.

Neue technische Möglichkeiten faszinieren nicht nur junge Menschen. Auch ich habe Freude daran.

Wir wissen ja bereits, daß sich unserer Angela für neue technische Möglichkeiten besonders interessiert. Zum Beispiel für Atomkraft und Atomkraftwerke (auch wenn das gerade junge Menschen eher für bedrohlich halten).

Und deshalb möchte ich Ihnen ziemlich regelmäßig auf diesem Wege erläutern, was die Bundesregierung bewegt – im doppelten Wortsinn: Womit wir uns beschäftigen und was wir tun, um Deutschland voran zu bringen.

Die Bundesregierung bewegt etwas? Rührende Momente mit Taschentüchern und Tränen? Wohl kaum. Die vergießen eher die, die mit den Folgen der gescheiterten Politik leben müssen. Womit sich die Bundesregierung und die Bundeskanzlerin beschäftigt, sehe ich ja gerade. Mit neuen Spielereien statt mit den Nöten der Menschen. Das bewegt mich dann – vor Zorn.
Das Deutschland voran gebracht wird, kann ich allerdings bestätigen. Nie zuvor waren wir so nah am Abgrund.

Schreiben Sie mir Ihre Meinung per eMail. Mir ist wichtig zu erfahren, was Sie beispielsweise über die Reformen denken, die die Bundesregierung anpackt.

Soll ich das jetzt glauben? Frau Merkel, Sie interessieren sich doch nicht im Ernst dafür, was die Menschen von Ihren so genannten Reformen halten. Ansonsten hätten Sie schon vor Monaten einen anderen Kurs eingeschlagen.

Jetzt freue ich mich erst einmal auf den Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft …

Süß! Was sie eigentlich sagen wollte: „Puh, jetzt hab ich das endlich hinter mir mit dem blöden Videopodcast. Und wir haben wirklich vor, das jetzt regelmäßig zu machen?”

In der nächsten Folge erklärt uns dann Angela Merkel, wie sich von 345 Euro monatlich bequem leben lässt und was für eine tolle Mannschaft gerade im Kongo aufgestellt wird.

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