Blogger und Moral

Die Überschrift greift eigentlich zu kurz, denn es soll hier nicht um Blogger und Moral gehen, sondern um die Frage, ob es so was wie eine moralische Verpflichtung gibt. Eine moralische Verpflichtung, sich an Aktionen zu beteiligen, die gerade „in” sind in Kleinbloggersdorf.

Vor nicht allzu langer Zeit kam die Frage auf, ob es noch vertretbar sei, auf einen Blogger hinzuweisen, der sich nicht im Rahmen einer Aktion solidarisiert hat – zuvor hatte er in einer anderen Sache massiven Zuspruch aus der Blogsphere erfahren.

Ganz klar und eindeutig: Es gibt keine Verpflichtung. Die gesamte Diskussion erinnert an meine Schulzeit, wo Mittschüler in der Oberstufe schief angesehen wurden, weil sie nicht an der Anti-irgendwas-Demonstration teilgenommen haben. Wer nicht mindestens ein Schild „Kein Blut für Öl” getragen hatte, der gehörte einfach nicht mehr dazu.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Art und Weise, wie so manche Sau durch Bloggersdorf getrieben wird, verdächtig ähnlich nach Lynchjustiz aussieht. Ein aufgestachelter Mob, überschäumende Emotionen – schon reicht ein kleiner Funke, um ganze Webseiten in Brand zu stecken. Ein Wenig mehr Ruhe wäre manchmal angebracht. Womit ich aber nicht abstreiten will, daß es nicht auch nötig ist, mit Sitzstreiks vor Webportalen für die gute Sache zu demonstrieren.

Es ließe sich natürlich einwenden, daß wir Blogger doch eine solidarische Gemeinschaft bilden. Tatsächlich aber entspricht genau das nicht der Realität. Genauer betrachtet befinden sich das deutschsprachige Kleinbloggersdorf noch im Zeitalter des Feudalismus. An der Spitze stehen Blogger, die ihren Claim abgesteckt haben. Sie gehören zur besitzenden Meinungsklasse. Was sie von sich geben, gilt in der Blogsphere wie das Wort eines Fürsten. Sie erfreuen sich zahlreicher Kommentarhofschranzen, die begierig die Worte ihres Herren weitertragen.

Diesen Meinungsmacher und Meinungsführer obliegt es auch, Untertanen zu verstoßen, Gericht zu halten und Vergebung zu gewährleistet – wenn sich denn der Delinquent als reuiger Sünder erwiesen hat.

Zugegeben, das mag jetzt sehr überspitzt klingen. Es ändert jedoch nichts daran, daß es auch im Web 2.0 keine Gleichheit gibt und geben wird. Daher verwundert es dann auch, wenn einer der Fürsten die Fahne der Solidarität trägt – vergleichbar damit, wenn Kaiser Wilhelm der II. bekennender Sozialdemokrat gewesen wäre.

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