Gewalt macht Schule

Auf der Welle der Gewalt vom Rütli herab surfen nicht nur die Medien, sondern auch andere, nach Aufmerksamkeit heischende Subjekte. Dabei verwundert, über welches schauspielerische Talent Bildungspolitiker verfügen, die sich zum Thema äußern. Sie sind angeblich völlig überrascht von den Zuständen.

Sozialarbeiter und Pädagogen weisen seit Jahren, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten auf die Missstände an deutschen Schulen hin. Betroffen sind nicht nur Hauptschulen, wie jetzt die in Rampenlicht der Öffentlichkeit gezerrte Rütli Schule in Berlin-Neukölln, auch an Realschulen und Gymnasien brodelt es – Gesamtschulen als fehlgeschlagenes Projekt der Integration nicht betrachtet.

Die Qualität unserer Schulen lässt sich nicht nur in Pisa-Punkten messen, sie zeigt sich auch in der sozialen Interaktion. Zwischen den Schülern, zwischen Lehrern und Schülern, aber auch bei Lehrern untereinander. Gewalt an der Schule in der Form, wie zur Zeit darüber berichtet wird, ist ein sicheres Zeichen dafür, daß das Bildungssystem auf ganzer Linie versagt hat.

Die Missstände ziehen sich von der Organisation des Lernens, der architektonischen Gestaltung der Gebäude bis hin zur Ausbildung des Lehrpersonals. Schuld ist nicht nur fehlendes Geld für die Halbtagsverwahranstalten, sondern ein Konstruktionsfehler im System.

Ein Lösung kann es daher nicht sein, angeblich besonders gewalttätige Schüler wegzusperren oder von der Schule zu verweisen. Das wäre nur wieder einer der vielen Versuche, durch Oberflächenkosmetik über den maroden Zustand des Schulsystems hinwegzutäuschen. Was die deutsche Bildungslandschaft benötigt, ist eine radikale Operation.

Im Jahr 1995 – also bereits vor über zehn Jahren – erschien das Buch „Zukunft der Bildung, Schule der Zukunft”, eine Denkschrift der Bildungskommission NRW. Darin wurde der Stand der damaligen Entwicklung zusammengefasst und Empfehlungen für eine zukunftsfähige Neugestaltungen der Schulen ausgesprochen. Besonders einprägsam und passend war das Bild von den Schulen als „Haus des Lernens”, das die Autoren skizierten.

In der Öffentlichkeit jedoch wurde das Buch kaum wahrgenommen. Ein Teil der angehenden Lehrer beschäftigte sich in Seminare mit dem Buch, nur um in ihrer zweiten Ausbildungsphase dann auf Strukturen zu stoßen, die jegliche Verbesserung verhindern.

Der Teppich, unter den die Missstände immer wieder gekehrt werden, mag groß sein. Auch scheint es so, daß Schule und Schüler keine Lobby haben, die sich laut genug für ihre Belange einsetzt. Unendlich groß ist der Teppich aber nicht. Irgendwann wird nichts mehr darunter passen. Den Schaden werden nicht nur Schüler und Lehrer davon tragen, er wird die gesamte Gesellschaft nachhaltig und negativ beeinflussen.

Die Probleme an der Schule in Berlin-Neukölln sind nicht allein die Probleme einzelner Schüler oder einer einzelnen Schule, es sind die Probleme einer Gesellschaft, die ihr wichtigstes Gut, die nachfolgenden Generationen von Staatsbürgern, aufs sträflichste vernachlässigt. Nur wenn die Bereitschaft besteht, mit dem Umbau des Schulsystems zu beginnen und wenn dies auch nicht nur bei der bloßen Bereitschaft bleibt, werden die Schulen zu dem, was sie sein sollten: Ein Platz, an dem sich Schüler und Lehrer wohlfühlen und lernen können – sowohl miteinander als auch voneinander.

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