Halligabend, Teil I

Es würde eine ganz neue Erfahrung werden, dachte Martin, als er aus dem Fenster blickte. Der Zug rollte in einschläfernder Gleichmütigkeit über die Schienen, seinem Ziel entgegen. Das Martin einer der wenigen Reisenden war, wunderte ihn nicht, denn seine Reise führt ihn weg vom Schnee, weg von dem üblichen Weihnachtszirkus hinein in ein nasskaltes, norddeutsches Wetter. Vor allem aber in die Einsamkeit. Kein Glocken, kein Menschen. Nur Strand und Vögel. Die Entscheidung, die Weihnachtsfeiertage auf einer Hallig zu verbringen, hatte er spontan vor zwei Wochen bei der Weihnachtsfeier seiner Firma getroffen, in der er seit April letzten Jahres arbeitet. Eigentlich war es weniger eine Weihnachtsfeier als eine sportliche Ertüchtigung der Mitarbeiter gewesen. Statt zu Glühwein und Christstollen gab es ein Eisstockschießen – Abteilung gegen Abteilung.

Nicht unerwartet hatte die Marketingabteilung, von der auch der Vorschlag für die diesjährige Weihnachtsfeier stammte, gewonnen.Im laufe des Abends hatte Martin dann den wie immer spontanen Entschluss gefasst, diesmal zu Weihnachten auszubrechen. Keine Familie, keine Freunde, keine Verwandtenbesuche. So in etwa wie in der Werbung zu einem Bier, daß ihm aber nicht schmeckte. Der beste Freund seines Onkels war in einem Seevogelschutzverein und hatte den Aufenthalt über die Weihnachtsfeiertage in der Vogelwarte ermöglicht, sehr zur Freude des Zivildienstleistenden, der Dank Martin Weihnachten zu Hause verbringen konnte.

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