Angekommen in der Wirklichkeit

Kaum ist Angela Merkel Kanzlerin, schon nimmt uns die Welt wieder ernst. Beim Thema Irak-Konflikt konnte die Regierung Schröder ja nicht richtig mitreden, mangels eigener Soldaten vor Ort.

Das das jetzt anders ist, hat Frau Merkel in erster Linie den Geiselnehmern von Susanne Osthoff zu verdanken. In diesen Tagen schaut Deutschland und vielleicht sogar ein Teil der Welt auf die erste deutsche Geisel im Irak. Natürlich gilt unser Mitgefühl wie immer dem Opfer und den Angehörigen. Auch auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen, muß die Frage gestellt werden, ob Frau Osthoff nicht gegen alle Warnungen und auf eignes Risiko vor Ort unterwegs gewesen ist. Bereits im Sommer wurde sie bedroht und zur Ausreise aufgefordert. Sie ist geblieben. Auch wurde sie schon mal aus einer sehr brenzlichen Situation gerettet. Dennoch ist sie geblieben. Das kann als sehr mutig betrachtet werden. Es gibt aber durchaus andere Deutungsmöglichkeiten.

Wer jahrelang raucht, bekommt nicht plötzlich und völlig unerwartet Lungenkrebs. Wer mit einem so hohen Risiko lebt und auf eigene Faust handelt, auch wenn es vordergründig humanitären Zwecken dient, der sollte nicht überrascht sein, wenn er eines Tages entführt wird. Dem Opfer hilft es nicht, wenn jetzt weiter darüber spekuliert wird, welchen Anteil es selber an seiner Entführung getragen hat. Trotzdem sei darauf hingewiesen, daß Susanne Osthoff keine Person frei von Wiedersprüchen ist.

Das Video der Entführer ist das erste, was die Mutter von Frau Osthoff seit fünf Jahren von ihrer Tochter zu sehen bekommt. Die eigene, 12-jährige Tochter lebt in einem Internat in Deutschland, während sich Frau Osthoff für andere Menschen einsetzt. Dabei versucht sie, eine Art Laurence von Arabien zu sein, denn wie dieser hat sie sich dem Land und seinen Gebräuchen angepasst, und spricht fließend Arabisch. Sie scheint auch eine Einzelkämpferin zu sein, die ohne die Unterstützung anderer humanitärer Organisationen handelt. Mutig und riskant zu gleich.

Angesichts des Haushaltsdefizit von rund 70 Milliarden Euro sind die Forderungen der Entführer in Höhe von 200 Millionen Euro nur ein kleiner Tropfen. Auch wenn von einigen Seiten schon gerufen wird, daß Deutschland sich nicht erpressen lassen darf, so sollte Frau Merkel dennoch nicht zögern, auf die Forderungen der Entführer einzugehen. Damit rettet sie vermutlich das Leben der Geisel und trägt einen Teil zur Sanierung des Haushalts bei, denn die Geiselnehmer wollen daß Deutschland den genannten Betrag nicht mehr als Aufbauhilfe an die irakische Regierung zahlt.

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