Ein Sonntag auf Papier

Ein Sonntag auf Papier

Die letzten Tage des Oktobers ziehen wie Regenwolken vorbei. Nasses Laub liegt halb erfroren auf der Straße. So manche Hoffnung verschwindet im Gully. Das Schweigen der Glocken legt sich wie ein Schleier über die Häuser. Vom Haus gegenüber weht Rauch herüber. Es riecht nach verbranntem Holz. In der ersten Etage werden Türen und Kinder geklatscht. Wer leise wimmert, ist noch nicht ganz ohne Leben.

Der Schrei des Telefons reißt weg von der Zeitung. Marmeladenverschmierte Finger greifen dem Anrufbeantworter die Arbeit weg. Am anderen Ende der Leitung war die Ungeduld schneller. Die letzten Zugvögel machen sich auf den Weg in den Süden. Die tot auf dem Balkon liegen, hat vorher die Grippe erwischt. Wie Sternschnuppen fielen sie vom Himmel. Mit einem Brummen schaltet sich der Fernseher ein. Neben bunter Bilder schwappt eine politische Beruhigungswelle aus ihm. Kein Grund zur Sorge, keine Gefahr für den Menschen. Auf einem anderen Kanal verlassen die ersten Entscheidungsträger das Land.

Eine Straße weiter kocht eine fleißige Hausfrau das Mittagessen für ihre Lieben. Noch nie lagen Hühnereintopf und Henkersmahlzeit so nah beieinander.
Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt, auch wenn danach alle unterm Tisch liegen. Was folgt, ist noch nicht der Tod, sondern eine kleine Rate Langeweile mit Nachtisch und Sonntagsspaziergang. Der Nachmittagskaffe spült für einen kurzen Augenblick den Geschmack schal gewordener Zeit herunter. Die ersten Autos verlassen ihre Schwiegermütter. In Windeseile fliegen die Gedanken zum Abendprogramm.

Erdnüsse und anderes Kleinzeug findet sich zu vorgerückter Stunde in den Wohnzimmern ein. Die meisten knabbern verzweifelt an den letzten Stunden, bevor am nächsten Morgen die Woche wieder mit aller Härte zuschlägt. Irgendwo in den 24 Stunden Sonntag hat sich die Erholung verloren. Aber so wie der Oktober vorbei geht, schwindet auch der Rest. Sterbende Regentropfen auf der Fensterscheibe kühlen die Augen der Nacht. Die Lichter in der Straße gehen aus.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren