Du fragst Deutschland

Du fragst Deutschland

Kaum surfe ich ahnungslos bei web.de vorbei, um nach meinen SPAM-Mails zu sehen, da springt mir schon eine Werbeanzeige ins Auge. Im Rahmen der perspektive deustchland werden noch Personen gesucht, die sich mal wieder so richtig auspeitschen ausfragen lassen wollen.

Nun gut, schauen wir mal, welche Perspektive die Webseite zu bieten hat. Auf der linken Seite blick der Schirmherr Richard von Weizäcker mir entgegen. Der Blick ist so neutral, daß sich dort alle hineininterpretieren lässt. Rechts die wesentlichen Fragen, die ich an die Umfrage habe. aha, das Ganze soll 25 Minuten dauern. Dort steht auch, was ich davon habe. Mit meiner Teilnahme soll ich ich „Einfluss auf die Zukunft Deutschlands” nehmen können. Wahnsinn. Das haben mir noch niemals die Parteien im Wahlkampf versprochen. Dann gibt es eine persönliche Auswertung des Fragebogens. Mhm, klingt nicht verlockend. Aber dann: „die Chance, einen von zahlreichen attraktiven Preisen zu gewinnen”. Das ist doch mal was. Materielle Anreize ziehen immer.

Abschrecken ist nur der Spruch, auf den ich klicken muß, um die Umfrage zu starten: „Zeigen Sie Verantwortung und machen Sie mit. Jetzt.” Die armen Schweine, die nicht mit machen. Alles verantwortungsloses Gesindel.

Gut also klicken. Dann wieder eine Tiefer Griff in die Kiste mit den pathetischen Formulierungen: „Mit der Teilnahme an Perspektive-Deutschland leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen, vor denen unser Land steht.” Die werde als Preis doch wohl kaum die Posten des Bundeskanzlers verlosen. Na ja, ein paar Ministerposten in der neuen Bundesregierung sind von der CDU noch nicht besetzt worden. Dafür würde ich dann auch noch Mitglied werden.

Zweite Seite der Umfrage. Eine Gesamtbewertung des Lebens in Deutschland. Ist mir zu einseitig. Muss aber ausgefüllt werden, sonst geht es nicht weiter. Ob alles in allem gesehen das Leben in den nächsten fünf bis zehn Jahren besser wird in Deutschland. Woher soll ich denn das wissen. Schließlich hab ich keine Löcher in den Händen. Aber bald eins im Bauch, wenn die Fragen so weiter gehen.

Auf Seite vier die Frage in welchem Maße im mich dafür interessiere, was in der Politik und im öffentlichen Leben vor sich geht. Die ist einfach zu beantworten. Klick. Weiter. Aha, jetzt geht es an die persönlichen Daten. Männlich oder weiblich. Mal eben nachschauen. Gut, hätten wir auch geklärt. Mein Geburtsjahr. Dort steht leider nicht nach welchem Kalender. Na, ich werd mal das übliche eintragen. Allerdings hätte ich auch gerne gewusst, ob die Minderjährige von der Umfrage ausschließen. Wenn dann bestimmt nachher bei den Preisen.

Das Kfz-Kennzeichenan meinem jetzigen Hauptwohnort. Uff! Gut das ich als autoloser Mensch auch mal auf die Nummernschilder schaue. Deutscher Staatsbürger in Deutschland geboren. Aber ich kann nichts dafür, falls es jemanden interessiert. Berufliche Situation, Ausbildung, Position. Das Übliche. Klick. Klick. Weiter.

Meine grundsätzlichen Auffassungen von Lebensauffassungen und -ansichten. Ja sicher. Ich lass den lieben Gott einen guten Mann sein. Aber das wird nicht gefragt, sondern ob ich für die Gesellschaft verantwortlich fühle. Leider wird nicht erklärt, wie das gemeint ist. Also ich kann nichts dafür, also übernehme ich eigentlich keine Schuld anderer. Gemeint ist das sicher anders. Also gut, ich fühl mich sehr verantwortlich. Trotzdem bin ich unschuldig.

„Ich nehme das Leben lieber, wie es kommt, als alles genau zu planen” Nein, jetzt bitte keine tiefenpsycholgische Beratung hier. Ich dachte, die wollen was anderes wissen. Die nächste Formulierung ist köstlich: „Auch wenn ich in der Klemme stecke, finde ich immer eine Lösung.”  Meistens hilft die schnelle Flucht und die unauffällige Entsorgung der Tatwaffe.

Eine alte Weisheit verbirgt sich hinter „Das Leben zu genießen finde ich wichtiger, als Erfolg im Beruf zu haben”. Umgangssprachlich lautet die Version: Lieber einen Bauch vom saufen als einen Buckel vom Arbeiten. Die sollen mal ehrlich schreiben, was sie da fragen. Formulierungen wie aus einem Vorstellungsgespräch. Lieber nicht zu positiv beantwortet, sonst bekomme ich nachher doch keinen Preis. Neue Techniken nutze ich natürlich gerne. Oh, dabei fällt mir auf, daß die Frage beim ersten Durchlauf an andere Position gestanden hat.

Auf der folgen Seite wird auf Fliege gemacht. Was mir Sorgen bereitet. Angst vor dem Verlust seines Arbeitsplatz unter Angst vor Terroranschlägen. Mir macht auch eine Kanzlerin Angela Merkel angst. Komisch das das nicht gefragt wird. Zynisch auch die Formulierung „dass ich von einem Terroranschlag betroffen werde”. Als ob mir das egal wäre, wenn es andere Menschen erwischt.

Wieder eine Fragenkomplex zur Entwicklung Deutschlands. Was ich erwarte. Erwarten tu ich eigentlich ne ganze Menge. Ebenso wie ich auf erhoffe. Dumm nur, daß ich weiß das meine Erwartungen enttäuscht werden.

Jetzt kommt das Spiel Aussagen bewerten:

„In den nächsten Jahren wird die Bereitschaft der Bevölkerung in Deutschland zunehmen, Reformen mitzutragen, auch wenn diese für den Einzelnen Nachteile mit sich bringen.” 

Na toll! Hängt davon ab, ob die Reformen der Allgemeinheit dienen. So blöd wird die Bevölkerung nicht sein, Einschnitte in Kauf zu nehmen, damit eine Minderheit nicht mehr steuerflüchtig im Ausland leben muss.

„In den nächsten Jahren wird die Reformfähigkeit der Politik in Deutschland zunehmen.” 

Reformfähigkeit der Politik. Keine Ahnung. Unternehmen, Parteien und in Grenzen auch Menschen sind reformfähig. Das aber ein Begriff reformfähig seins soll erscheint mir etwas merkwürdig.

Der Handlungsbedarf der neuen Bundesregierung. Nur drei Felder kann ich angeben? Was soll das denn, die haben in wesentlich mehr Bereichen akuten Handlungsbedarf. Klick. Klick. Klick. Klick. Mist, es gehen wirklich nur drei.

Auf zu den kapitalistischen Gretchenfragen:

„In welche Richtung sollte sich Deutschland Ihrer Meinung nach in Zukunft verändern,
wenn es um die soziale Sicherung geht?”

Zur Auswahl stehen die extremen Pole „Viel mehr Lebensrisiken als heute sollten vom Staat getragen werden.” und „Viel mehr Lebensrisiken als heute sollten privat getragen werden.” Dazwischen dann Antwortmöglichkeiten für Warmduscher und Frauenversteher. Klick. Geht ja noch.

Die nächste Frage kann nicht wirklich ernst gemeint sein. Oder doch?

„Sollten die sozialen Unterschiede in der Zukunft in Deutschland geringer oder größer als heute sein?”

Wo FDP-Wähler ihren Punkt setzten, ist ja nicht nur aus dem Parteilogo bekannt.

So langsam vergeht mir die Lust an den Fragen. Tapfer bleiben, an die Preise denken. Liest eigentlich noch wer weiter?
Nun darf ich Boss sein und werde nach der Entlohnung gefragt. „Wer viel leistet, sollte viel weniger belohnt werden als heute.” Mhm, also die Richtung Krankenschwester etc. Oder „Wer viel leistet, sollte viel stärker belohnt werden als heute” Jetzt wird es klar. Die meinen nicht den Facharbeiter oder die Altenpflegerin, sonder die Manager und Vorstände. Dann ist die Frage falsch formuliert. Es müsste heißen: „Wer viele Arbeitsplätze anderer ruiniert, sollte sich stärker als bisher aus der Firmenkasse bedienen dürfen.” Ein Fall für „Weiß nicht”.

Wieder so eine falsche Frage.

„Mit welcher Geschwindigkeit sollte sich die Gesellschaft in Deutschland Ihrer Meinung nach in Zukunft verändern?”

Die Gesellschaft besteht aus Menschen. Diese können sich ändern und an Rahmenbedienungen anpassen, die sie und andere setzten und beeinflussen können. Wahrscheinlich sind bestimmte Sachverhalte zu komplex, um sie in eine Frage zu packen.

Gerade erstmal ein Drittel der Fragen beantwortet. Zu Belohnung darf ich jetzt aus zwei Modellen auswählen, die vorgeben, in welche Richtung sich Deutschland entwickeln soll. Verdammt, das geht noch weiter mit den beiden Modellen. Jetzt wollen die wissen, wie ich mich entscheiden würde, wenn die Modelle Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum hätten. Schon wieder sind wir beim Märchen vom grenzenlosen Wachstum. Gähn! Das sind doch nur Bettgeschichten wir Neo-Con Kinder. Klick. Weiter.

Jetzt bin ich aber wirklich überrascht:

„Um Ihre Angaben sinnvoll auswerten zu können, benötigen wir jetzt einige weitere Angaben. Wie häufig nutzen Sie das Internet?”

Die wollen mich auf den Arm nehmen. Was haben meine Einstellungen und Meinung mit der Nutzung des Internets zu tun? Weiter geht es mit einem ganzen Komplex an zur persönlichen Situation. Ich habe den Eindruck, die wollen nur diese Daten für Marketing Zwecke.

Süß ist der Hinweis, bei der Frage, wie viele Personen in meinem Haushalt leben auch bitte daran zu denken, mich mitzuzählen.

Fragen dazu, in wie weit wäre, einem zukünftigen Arbeitgeber entgegen zu kommen. Die Antworten sollte ich mir aufschreiben. Die von DER AGENTUR wollen das sicher auch bald von mir wissen. Klick Klick. Gähn! Halbzeit. Ich brauch erstmal eine Kaffee. Hoffentlich muss ich nicht von Vorne anfangen, wenn ich mal eben kurz Pause mache.

So. Weiter geht es. Was mich davon abhält, mir es mich selbständig zu machen. Komisch, das mir gerade in diesem Zusammenhand die Media Markt Werbung einfällt. Oh ha. Es wurde festgestellt, daß ich angegeben habe, arbeitslos zu sein. Jetzt muß ich sagen, warum und weshalb. Die leiten die Daten doch garantiert weiter. Wieder drei Gründe maximal. Hehe, „Auf Grund schlechten Managements” Der ist gut.

Warum ich noch keinen Arbeitsplatz bisher gefunden habe. Bestimmt nicht deshalb:

„Der Kündigungsschutz in der heutigen Form verhindert Beschäftigungsangebote für Arbeitslose.”

Klick. Klick. Weiter. Wieder Modelle vergleichen. Wieder nur Text. Ich will andere Modelle! Hilft nichts. Eine Skalenbewertung ob ich A

„Der Staat garantiert jedem eine umfassende Sicherung. Die Kosten dafür werden von allen Bürgern entsprechend der Höhe ihres Einkommens durch Steuern und Beiträge aufgebracht, selbst wenn die Steuern und Beiträge dafür in Zukunft steigen müssen.”

oder B

„Jeder kann selbst bestimmen, ob und wie weit er sich und seine Familie für Krankheitsfälle, Arbeitslosigkeit, Alter und Pflegebedürftigkeit versichern will. Wer nicht privat vorsorgt und keine privaten Versicherungen abschließt, muss die Folgen selbst tragen”

besser finde. Für Modell A muß ich mein Kreuz links machen. Das ist garantiert Absicht! Es folgen fragen zur Krankenversicherung. Ich halte es mit O. L. – mein Kreuz steht links.

„Was halten Sie für den besten Weg, die Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung in Zukunft zu sichern?”

Die Antwort, mehr Arbeitsplätze zu schaffen fehlt leider als Möglichkeit.

Dann geht es um die Frage nach einen Karnickel-Bonus für Rentenempfänger. Halte ich nichts von. Fragen danach, warum ich keine Kinder will. Maximal fünf Gründe. Dabei brauch ich diesmal nur weniger. Das Thema wird dann noch weiter durchgenudelt. Die 25 Minuten sind auch wenn ich handwerkerunüblich die Pause abziehe schon längst vorbei.

Arten der Unterstützung für Familien mit Kindern.

„Es sollten Gutscheine an Eltern vergeben werden, die nur für bestimmte Zwecke eingelöst werden können (z.B. für Kinderbetreuung).” 

Abartig. Erinnert ein wenig an die Nazi-Zeit. Ist das hier noch eine Umfrage oder schon ein schlechter Film? Ein Antwort vergessen, plob, schon kommt eine Warnung. Blaue Schrift auf orangen Hintergrund. Da wird einem ja ganz schummerig.

Verbesserungsbedarf bei der Kinderbetreuung in Deutschland. Wieder nur drei Optionen maximal. Da muß wesentlich mehr verbessert werden. Verdammt schwer, sich da auf nur drei zu beschränken. Vermutlich wird im Finanzministerium auch immer eine Version von „Die verflixte Sieben gespielt”. Gerade fällt mein Blick darauf, wer den die Umfrage mit zu verantworten hat: McKinsey

Die nächsten Fragen beantworte ich durch unkontrolliertes Klicken.

Fragen zu Verbesserungsmöglichkeiten im Bereich Schule und Hochschule. Na klar, nur aus Unternehmen Sicht. Als fast Lehrer hätte ich dazu einen Menge anderer Ideen.

Fast im Ziel. Und wieder ein paar persönliche Fragen. Nettoeinkommen. Geht die nichts an.

„Jeder Mensch hat ja bestimmte Vorstellungen, die sein Leben und Verhalten bestimmen.
Wenn Sie einmal daran denken, was Sie in Ihrem Leben eigentlich anstreben, wie wichtig
sind dann die folgenden Dinge für Sie persönlich?”

Eine typisch Beratungs- und Lebensfindungsseminar-Frage. „Sozial Benachteiligten und gesellschaftlichen Randgruppen helfen” und „Macht und Einfluss haben”. Das eine ist ohne das andere leider nicht möglich.
Es reicht! Ich will die Preise sehen. Staat dessen kommt eine Frage, welchen Vereinen ich angehöre. Typisch Deutsch!

Bei der Frage, welcher Partei ich politisch nah stehe, kann ich bis zu drei auswählen. Ob das sinnvoll ausgewertet werden kann, wag ich mal zu bezweifeln.

Die Gretchenfrage, wie halte ich es mit der Religion. Ich hab noch mein Parteibuch, würde ich sagen.

„Wie haben die Ereignisse der vergangenen Monate, wie der Tod von Papst Johannes Paul II., die Wahl eines Papstes aus Deutschland und der Weltjugendtag in Köln, Ihre Meinung über die katholische Kirche beeinflusst?”

Leute, ich hab doch gerade angegeben, das ich evangelisch bin. Fragt mich doch nicht so was blödes. Es wird noch unverschämter. Ich soll fünf wichtige Organisationen und Einrichtungen Deutschlands bewerten. Da steht die katholische Kirche. Aber nicht mein Verein.

Endlich, das Ende. Die E-Mail-Adresse wir angeblich getrennt von der Umfrage behandelt und wird für das Gewinnspiel benötigt. Na gut. Ich werde eh alles abstreiten. An weiteren Befragungen möchte ich nicht teilnehmen. Vor allem nicht, wenn sie mehr als eine Stunde dauern. Ich werde auch niemanden, wirklich niemanden empfehlen, an der Umfrage teilzunehmen. Das würde auch meine Gewinnchancen schmälern. Noch mal ein Dankeschön an mich. Wo sind jetzt die Preise? Ich will wenigsten sehen, was ich gewinnen könnte. So ein Nepp. Beim nächsten Mal doch wieder ein Rubellos. Das macht zumindest nicht so viel Arbeit und ich weiß sofort, was Sache ist.

3 Replies to “Du fragst Deutschland”

  1. Erinnert mich an diese Umfragen die die Macwelt oder Macup alle 9 Monate durchziehen. Hab’s noch nie bis zum Ende geschafft. Kenne aber perönlich jemanden, der 2001 einen G4 gewonnen hat. Ob’s auch so tolle Preise vom Richie gibt? ;)

  2. Moin Leute,

    habe die Umfrage auch gerade mitgemacht. Die Preise sind tatsächlich schwer zu finden:

    – 10 PlayStationPortables
    – 3 Wellness-Wochenenden für 2
    – Karten für Wetten-Dass mit VIP-Aftershow-Party
    – 50 Buchgutscheine a 50 EUR

    Naja, gar nicht so schlecht…

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren