Unerschiedliche Wahrnehmung

Unerschiedliche Wahrnehmung

Gestern Abend waren Oskar Lafontaine und Friedrich Merz zu Gast in der so genannten Talkshow bei Sabine Christiansen. Zugegeben, ich hab in die Sendung erst ab der zweiten Hälfte reingeschaltet. Dennoch ist mir nicht aufgefallen, dass Lafontaine eine schlechte Figur in der Sendung abgegeben hätte. Subjektiv fand ich den Applaus, den er für seine Äußerungen bekommen hat, auch stärker als die Zustimmungen des Publikums zu Aussagen von Friedrich Merz.
Weniger subjektiv war aber die Mimik von Merz. Sehr deutlich war zu sehen, unter welcher Anspannung sein Kiefer stand. Locker wirkte er nur an ganz wenigen Stellen. Seine sorgsamen Argumentationen waren sicher nicht frei von einer inneren Logik. Dennoch ist es unbestreitbar, dass auch wenn Lafontaine populistisch argumentiert, er im Kern seiner Aussagen Recht hat. Das Konzept von Harz IV ist ungerecht. Wer wie Merz den Menschen unterstellt, sie würden eine Anspruchsmentalität haben und nach der Einzahlung von 60.000 Euro in die Arbeitslosenkasse für sich in Anspruch nehmen, mindestens die Hälfte des eingezahlten Betrags in Form von staatlichen Leistungen zu bekommen, der verkennt die Realität. Sicher, es mag Fälle von “Missbrauch” geben. Aber in Deutschland ist Arbeitslosigkeit immer noch ein Stigma. Wer arbeitslos ist, ist dies in der Regel nicht freiwillig oder weil es ihm Spaß macht, ohne Leistung Geld zu bekommen. Arbeitslose leiden unter ihrer Situation, schämen sich dafür und versuchen so lange es ihnen möglich ist, ihrer Arbeitslosigkeit vor Nachbarn und Bekannten zu verbergen.

Sicher mag es ein Fehler von Lafontaine gewesen sein, dem Konstrukt von Merz kein plausibles Alternativmodell entgegen zu stellen. Dennoch wird seine Kritik dadurch nicht falsch. Ich kann nicht behaupten, dass Lafontaine durch seine populistische Art mir unsympathischer geworden ist. Ich kann mir auch vorstellen, dass er in einem anderen Rahmen durchaus in der Lage ist, sachlich zu argumentieren.

2 Replies to “Unerschiedliche Wahrnehmung”

  1. In den Grundzügen stimme ich auch mit Lafontaine überein, wenn er gegen Hartz 4 und Konsorten wettert. Ich denke auch nicht, das dies der Richtige Weg ist. Ich denke auch, das die Reichen mehr abdrücken sollten, das ist für mich ganz logisch. Das hat ja nichts damit zu tun, die vielverdienenden zu bestrafen, sondern damit, das sie einfach mehr leisten können als andere. Und wenn ein Land ein Finanzproblem hat, nimmt man doch nicht zuerst von den armen..das ist ein Irrsinn….

    Mich ärgert es nur, das alles auf diese plumpe propaganda Schiene abgleiten muss. Hat Lafontaine keine Argumente um seine (teilweise ja korrekten) Thesen zu untermauern? Klar hat er die, aber er wollte die Sendung lieber dazu verwenden um populistische Wahlwerbung zu machen und das find ich nicht ok.

    Und was Merz angeht: Der ist doch immer angespannt und total aggressiv. Ich bin eigentlich froh das der immer weiter weg ist vom medialen Fenster ;)

  2. Ich stelle mal ins Blaue hinein die Vermutung, dass der Auftritt von Lafontaine für eine ganz bestimmte Zielgruppe vorgesehen war, die eher einen populistischen Zugang zur Politik haben. Das ist auf jeden Fall bedauerlich, denn auch mir wären sorgfältige Argumente wesentlich lieber gewesen.
    Am fatalsten dürfte jedoch wohl auch gewesen sein, dass die Sendung nicht von dem Publikum gesehen wird, für die Lafontaine seine Auftritt inszeniert hat. Ich bin ihm jedoch sehr dankbar, dass er trotzdem bisher keinen Auftritt bei Big Brother oder ähnlichen „Formaten“ geplant hat.
    Ich wird mal schauen, was Lafontaine so im Spiegel dieser Woche zu bieten hat – in dem Streitgespräch mit Stoiber.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren