Zugsignale

Die Kälte meines Fahrrads begleitet mich, während ich die Einsamkeit der Nacht durchschneide. Vorbei an unromantischen Kornfeldern, zurück in die Enge meines Zimmers. Das Holz atmet die Wärme des Sommers aus. Schlaflos starre ich in die Dunkelheit. Wäre ich ein Stern, würde ich weit weg sein von allem. So aber liege ich hier, wälze mich von einer Seite auf die andere und denke an meinen Schreibtisch. Auf ihm liegen aufgerissen Umschläge mit einer Spur von Duft. Möwen hinterlassen Schatten auf dem Briefpapier. Die Warnsignale eines Zuges reissen mich aus dem Frühnebel einer viel zu kurzen Nacht. Frühstücken, wenn die Gedanken woanders sind, ist unmöglich. Bitterer Kaffee ohne Milch und Zucker. Im Garten umweht mich ein leichter Spätsommerwind, schafft es aber nicht, die trüben Wolken zu vertreiben. Was feucht zu Boden fällt, könnten die ersten Regentropfen oder meine Tränen sein. Immer wieder ein Lied, ein Gefühl und eine Angst. Nichts zu verlieren geht nur, wenn man nie etwas hatte. Freiheit ohne sein nur, wenn man aufgibt. Von Schwelle zu Schwelle springen, schaue ich den Vögeln nach und warte. Als es vorbei ist, war es wieder nur der Traum eines Traumes. In der Ferne höre ich den Zug.

Zusammen legen wir Buchstaben, die doch keine Wörter ergeben. Nur uns erschließt sich der Sinn dieses Spiels. Wie Gefühle legen wir die Holzplättchen auf das Brett und offenbaren unser Herz nur zum Schein. Der viel zu frühe Herbst färbte die Blätter und brachte eine Postkarte von der Insel. Die Schrift war verlaufen, nur der Stempel war deutlich zu erkennen. So brannte sich das Datum fest ein. Während hier drinnen die Jahre vorbeiziehen, habe ich den Kalender und dieses Daum fest im Blick. Bald wieder werde ich eine Kanne Tee aufsetzten, im Garten den Geruch von Walnußlaub in mich einsaugen und das Foto vermissen, das nie gemacht worden ist.

Hinter den Schatten der Bäume verschwindet ihre Gestalt. Das alte Fahrrad im Keller rostet vor sich hin. Vermutlich weiß es nichts mehr von besseren Tagen. Still erduldet es den langsamen Zerfall. Eines Tage würde die Kellertür geöffnet werden und mit dem eindringenden Licht ein leichter Wind das zu Staub zerfallene Rad hinaustragen. Frei würde es dann sei und könnte an Plätze gelangen wo es lange nicht gewesen ist.

Strahlen der Spätnachmittagssonne fallen auf alte Bahnschwellen, die einen Garten umgrenzen. Ein Mann und ein Frau zupfen Unkraut in diesem Garten, schweigend und doch glücklich nebeneinander. Selbst wenn wir gewollt hätten, wären wir so nie geworden. Mit selbstzufriedenem Mitleid gieße ich mir die zweite Tasse Tee ein. Nach einem Schluck schließe ich langsam die Augen und träume den einen Traum. Von einem Fahrrad, der Nacht in der es micht begleitet und von dir.

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