Fastforward – hang on!

Fastforward – hang on!

Die meisten Menschen haben zwei Hände. Trotzdem nehmen sie lieber einen Strick, um sich zu selbst zu erwürgen. Das wirklich umständliche dabei ist jedoch, dass man diesen Strick auch noch selber basteln muss. In einem normal sortierten Supermarkt kann man keinen fertigen Strick kaufen. Er liegt nicht in Folie verpackt in der SB-Abteilung. Auch im Schnellrestaurant gibt es keinen Strick – erst recht nicht in der Junior-Tüte. Dabei wäre die Frage „zum mitnehmen oder hier aufhängen“ wirklich mal was anderes. Nachdenklich stützte er seinen Kopf auf die Hände und überlegte, wie er auf das Thema gekommen war. Es schien so, als ob er den Strick, nein den Faden verloren hatte. Dabei sollte er bis gestern den Artikel fertig haben. Das übliche nachspülen mit Kaffee halfen seinen Gedanken diesmal nicht auf die Sprünge. Er konnte sich einfach nicht daran erinnern, über welches Thema er schreiben sollte.

Das verdammte Bier! Er hatte anscheinend gestern nach dem Kinobesuch doch zu viel getrunken. Kinobesuch, genau, das war es eigentlich. Er sollte die Kritik zu dem Film schreiben. Nur das es ihm sehr schwer viel, über eine fehlende Handlung und nicht vorhandene schauspielerische Leistung zu schreiben. Wäre er Regisseur gewesen, hätte er sich lieber aufgehängt, statt so einen Film vor Publikum zu zeigen. Nur weil der Regisseur ein junges Nachwuchstalent von der Filmhochschule war, sollte das noch lange kein Grund sein, Gnade zu zeigen. Manches übel sollte man schon im Keim ersticken. Bei dem Gedanken an „übel“ wurde ihm wieder schlecht.

Auf dem Rückweg vom Klo stolperte er über die Praktikantin, die unter ihrem Schreibtisch lag und gerade ein USB-Kabel mit ihrem Computer verband. Sofort musste er wieder an den Strick denken. Schuld daran war nicht ihr Aussehen, daran gab es nichts auszusetzen, sondern eher ihr Freund. Der war genau dieser angeblich so hoffnungsvolle Nachwuchsregisseur, über den er schreiben sollte. Dabei war das Einzige am Film, was wirklich erwähnenswert war, der völlig schwachsinnige Titel „Wildblumen für Afrika“. Statt weiter auf die Praktikantin zu starren, sollte er schnell eine Entschuldigung murmeln und wieder zurück zum Schreibtisch schleichen.

Als er sich losgerissen hatte, lauerte wieder der blinkenden Cursor und die weiße Seite des Textverarbeitungsprogramms auf ihn. Sehnsuchtsvoll blickte er zur Decke. Kein Haken oder Nagel steckte dort drin – leider. Ein Blick auf die Uhr teilte ihm mit, das gleich damit zu rechnen war, das ein sehr kollerischer Chef um die Ecke bog, um nach dem Artikel fragen würde. Es wurde Zeit, das Leben ein wenig vorzuspulen und die uninteressanten Stellen zu überspringen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren