Geschichte wiederholt sich nicht. Es wiederholt sich aber der Hunger auf Macht. Wir sollten daraus lernen.
Roter Hunger
Natürlich hatte ich eine Vermutung. Basierend auf Lebenserfahrung und der Art und Weise, wie ein bestimmtes Forum tickt. Mir war daher durchaus bewusst, dass ich möglicherweise eine Diskussion anstoßen würde in einem Thread, wo ganz harmlos nach dem aktuellen Lesestoff gefragt wurde. „Literatur / Sachbuch / Zeitschrift Was lest ihr gerade?“ — hört sich harmlos an, aber je nach Lektüre kann man für Entrüstung sorgen, wenn man darüber schreibt. Mein Beitrag zum Beispiel.
„Roter Hunger: Stalins Krieg gegen die Ukraine“ von Anne Applebaum. Ein bedrückendes Sachbuch, welches auch zum tieferen Verständnis des Verhältnisses zwischen der Ukraine und Russland heute beiträgt.
führte dazu, dass sich mindestens ein User auf den Schlips getreten fühlte. Vorwurf: Das sei ein Buch mit rein politischem Hintergrund.
Das Buch über den Holodomor in der Ukraine, bei dem zwischen 1932 und 1933 mehr als drei Millionen Menschen starben, ist erster Linie ein geschichtswissenschaftliches Buch. In Bibliotheken würde es wohl unter Geschichte / Osteuropa / Ukraine / Stalinismus einsortiert werden. Dass Geschichte und Politik sich nicht immer trennen lassen, nun ja. Abgesehen davon kann ich nichts dafür, dass ich das gerade lese, wenn die Frage, was ich lese, auftaucht.
Das Buch über den Hunger und Hungertod in der Ukraine ist sicher keine leichte Kost. Es hilft meiner Meinung nach aber, auch die aktuellen Vorgänge in Osteuropa besser zu verstehen — daher eine absolute Leseempfehlung. Und wenn wir schonmal dabei sind: „Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ von Christopher Clark so wie „Russland: Revolution und Bürgerkrieg 1917-1921“ von Antony Beevor und „Die Macht der Geographie“ von Tim Marshall sind eine verdammt gute Ergänzung dazu.
Weltpolitik und Geographie
Beim mir gibt es im übertragenen Sinn ein Hunger nach Geschichte. Ich will bestimmte Zusammenhänge verstehen. Ich meine dadurch, auch bestimmte aktuelle Ereignisse besser verstehen zu können. Bleiben wir beim Thema Russland und Ukraine. Nein, ich werde mich jetzt nicht über das Schmierentheater von US-Präsidentendarsteller Trump in Alaska auslassen. Man stelle sich mal vor, Franklin D. Roosevelt hätte für Adolf Hitler 1943 in Washington, D.C. den Roten Teppich ausgerollt und ihn zu einem freundlichen Gespräch empfangen. Roosevelt wäre sicher nicht auf die Idee gekommen, dass Polen, Frankreich und Russland den Krieg angefangen hätten.
Wenn man in der Süddeutschen Zeitung eine Karte mit dem aktuellen Frontverlauf anschaut und das Buch von Tim Marshall im Hinterkopf hat, wir ein klar, dass Russland erobertes Gebiet nicht preisgeben wird. Dreh- und Angelpunkt ist die Krim und der Zugang zur Krim. Nur mit der Region Cherson und der Krim hat Russland einen strategischen Zugang zum Schwarzen Meer. Der U-Boot-Bunker in Balaklawa wurde 1947 nicht zufällig auf der Krim gebaut.
Putin geht es um Kontrolle. Würde die Ukraine alle von Russland beanspruchte Gebiete abtreten, verlöre sie die Regionen, die sich am besten verteidigen lassen. Sie wäre weiteren Aggressionen seitens Russlands schutzlos ausgeliefert.
Zurück zum Buch von Anne Applebaum. Das macht deutlich, wie kurz nur die Moment urkainischer Eigenständigkeit waren. Putin wird alles dran setzen, die Politik von Stalin weiterzuschreiben. Nicht ungefähr wurde in der Moskauer U-Bahn ein Stalin-Denkmal wieder aufgestellt und Protest dagegen verboten.