Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Das Thema Gendern bringt nach wie vor Menschen auf die Barrikaden. Dabei sitzen die Probleme an ganz anderer Stelle.

Die Hans/Gretchen/divers Frage

„Nun sag‘, wie hast du’s mit dem Gendern?“ Wir kennen sie, die klassische Frage aus Goethes Faust. Drüben, beim Reich der Spiele, hat sie gestern Michael Weber beantwortet. Gestern bin ich den Artikel von Michael nur überflogen, heute Morgen zum Frühstück habe ich ihn mir dann noch mal in aller Ruhe durchgelesen. Reden wir nicht um den heißen Brei herum, ich sehe die Sache im Prinzip genauso wie Michael— auch wenn ich hier und da mal von Leser:innen geschrieben habe. Über meine eigene Sichtweise auf die Schreibweise und die Art und Weise, wie ich bereits in den 1990er Jahren in der Schule mit Binnen-I auf Kosten der Note schrieb, bin ich vermutlich mehr als einmal hier im Blog eingegangen.

Aus meiner Sicht ist einer der stärksten Argumente von Michael gegen das Gender, dass damit nicht inkludiert wird, sondern ausgegrenzt. Unsere Sprache wird durch das Gendern schwerer zu lesen und zu verstehen, was insbesondere Personen mit Leseschwäche trifft. Mit geschätzten 6 bis 8 Millionen betroffenen Menschen in Deutschland dürfte diese Gruppe deutlich größer ein als die, die sich durch falsche Schreibweise vermutlich mit gemeint fühlen.

Nur für Minderheiten Gendern?

Minderheiten gegeneinander abzuwägen, davon bin ich definitiv kein Freund. Mir ist auch durchaus bewusst, welch grausame Rolle Sprache zur Unterdrückung spielen kann. Etwa dann, wenn einem die eigene Sprache zu sprechen verboten wird. Oder aber wenn Sprache dazu dient, ein unvorstellbares Verbrechen einen harmlosen Klang zu geben (Endlösung der Judenfrage).

Ähnlich wie Michael sehe ich Gendern als eine Art goldenes Kalb, um die eine kleine Gruppe tanzt. Wie viele dieser Gruppe selber Bestandteil der LGBT+ Community angehören, darüber kann man nur spekulieren. Ähnliche wie die Quotierung damals bei den Jusos auch als Mittel zur Machtausübung empfand, geht es mir heute mit dem Gendern. Es sei daher die Frage gestellt, wer davon profitiert. Vor allem aber, was gewonnen wäre, würde sich die Mehrheit dem Sternchen, Doppelpunkt oder was auch immer beugen. Meiner persönlichen Meinung nach wäre nichts gewonnen, denn es erfolgt kein wirklicher Bewusstseinswandel.

Wie weit ist sie denn, die Gleichberechtigung, zum Beispiel? Es wird viel über sie diskutiert, schaut man sich aber einfach im Bekanntenkreis oder Kollegium um, dominiert auch bei den Jüngeren die klassische Rollenverteilung.

Im Übrigen, was mich wirklich erschüttert hat an diesem Wochenende, ist ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung (Auge in Auge mit der Hydra). Am 27. Januar gedenkt der Bundestag den von den Nazis verfolgten und ermordeten Homosexuellen. Eine gute Sache an sich. Der Haken: Es ist das erste Mal. Wie tief hier Skandal und Unrecht in unserer Gesellschaft verankert waren (und vermutlich noch sind), kann man sich gut anhand der Geschichte des Paragrafen des 175 Strafgesetzbuches vor Augen führen.

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