Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Der Traum von der deutschen Einheit ist noch nicht zerbrochen. Aber er ist abgenutzt wie ein alter Gummireifen.

Schnapsideen und Zahlen

Damals, als Jusos, waren wir zumindest im Kreisverband Wesel der Überzeugung, Deutschland würde besoffen in die Einheit stolpern. Die große BRD frisst die kleine DDR, so sahen wir das — eine Meinung, über die man heute neu nachdenken könnten. Vor 22 Jahren kam zusammen, was vielen glaubten, wieder zusammen gehörte. Dabei ist 22 nicht nur eine Schnapszahl, sondern auch zweimal 11. Wer Köln kennt, weiß um die magische Bedeutung dieser Zahl. Mit der Einheit hat die 11 wenig zu tun, aber mit viel Alkohol und exzessivem Feiern.

Insbesondere in den letzten zwei Jahren ist einiges zerbrochen in Bezug auf die Einheit. Mehr denn je zeigen sich die Bruchstellen, von denen wir nur geglaubt haben, es würde an ihnen zusammenwachsen.

Es gibt die Resignierten, Abgehängten, Enttäuschten, Wütenden. Mit Sicherheit einige Menschen, deren Biografie zerbrochen ist. Andere aber, die damals viel zu jung waren, um auf einer Montagsdemonstration gegen das Regime der DDR mit zu marschieren.

„Wir sind das Volk!“, wurde damals bei den Montagsdemonstrationen etwa in Leipzig gerufen. Heute hat der Ausruf eine ganze andere Bedeutung, stehen die Demonstrierenden montags politisch in anderem Licht.

Glaube zerbrochen

Persönlich erkenne ich bei mir drei Phasen in Bezug auf die Einheit. Anfänglich die bereits erwähnte Skepsis, die Furcht, alles würde viel zu schnell gehen. Dann die aufblühende Hoffnung, es könnte tatsächlich klappen — positive Erfahrung bei ersten Besuchen in einem Land, welches es plötzlich nicht mehr gab.

Schließlich die Rückkehr der Skepsis. Die Erschrockenheit vor dem Hass, der sich drüben geschürt auch durch westdeutsche Agitatoren wie Björn Höcke. Zweierlei ist hier zerbrochen. Die Bindung derer, die drüben auf die Straße gehen, an den Staat, an den ich glaube. Der Glaube von vielen hier im Westen drüben würde schon alles wieder in Ordnung kommen. Wird es nicht, schon gar nicht von alleine.

Allein schon dieser Begriff „drüben“, zeigt, wie sehr die Mauer in den Köpfen doch noch existiert. Ein Land, aber nur der Definition nach. Wobei ich mich frage, ob wir jemals wirklich ein Land waren.

Am Tag der Einheit sei die Frage erlaubt, wo noch Bruchkanten in unserem Land sichtbar werden. Nicht nur Osten und Westen, sondern auch Norden und Süden. Gerade in zwei Jahren Pandemie und Energiekrise werden die Spannungen deutlich. Jedes Bundesland für sich, so wie vor der Reichsgründung 1871. Ja, auch das sollte man sich vor Augen halten. Deutschland ist ein junges Land, noch immer.

Einigkeit gegen Recht und Freiheit

Zerbrochen ist auch die alte Gewissheit, wo Links und wo Rechts. Die politischen Extreme vermischen sich. Eine seltsame Einigkeit besteht im ausgerufenen „Heißen Herbst“. Links und Rechts gegen Demokratie, Recht und Freiheit.

Die Mitte schweigt, während die Ränder auf die Straße gehen.

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