Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Vor allem Vielleser stellen eine verstärkte Abhängigkeit von neuem Lesestoff fest. Die Angst vor einer Versorgungslücke geht um.

Lebenslange Abhängigkeit

Trotz der noch vorhanden Resthitze im Haus ist draußen bereits der Spätsommer zu spüren. Altweibersommer, oder um es etwas hipper zu sagen: Indian Summer. Meine liebste Jahreszeit. Hinter mir liegt bereits die erste Arbeitswoche nach dem Urlaub. Der ist längst nicht verblasst, viele schöne Erinnerungen wirken noch nach. Ebenfalls wirken noch die beiden Bücher, die ich zuletzt gelesen habe. Das großartige Sachbuch „Guillaume, der Spion“ von Eckard Michels über den Stasi-Spion Günter Guillaume im Kanzleramt von Willy Brandt. Ein zeitgeschichtlicher Thriller mit einem „Helden“, der keiner war.

Gefangen hat mich aber auch der Roman „Wo der Wolf lauert“ von Ayelet Gundar-Goshen. Eine sehr dichte Erzählung, vielschichtige Erzählung. Im Mittelpunkt steht der Tod eines Schülers und die Frage, ob oder ob nicht der Sohn der Hauptfigur Lilach dafür verantwortlich gewesen ist. Eine große Rolle spielt auch Herkunft und den Schatten, den diese auf uns ein Leben lang wirf.

Lebenslang, das ist eigentlich mein Thema, wenn es um Lesestoff selber geht. Nach einer längeren Phase mit E-Books greife ich im Urlaub wieder bewusst zu gedruckten Büchern. Man muss sich dann sehr bewusst entscheiden, was man bei begrenztem Platz für Gepäck mitnimmt.

Täglicher Lesestoff

Für mich ist ein Leben ohne täglichen Lesestoff unvorstellbar. Seit dem Erwerb der Lesefertigkeit kann ich nicht anders als lesen. Nimmt man mir die Lektüre beim Frühstückstisch weg, lese ich die Angaben auf Milchpackung und Marmeladenglas. Vermutlich erzählte ich das bereits in der Vergangenheit, genauso wie meine Entwicklung hin zum Vielleser. Einem Vielleser, der ständig neuen Lesestoff benötigt.

Tatsächlich verhält es sich seit einigen Jahren mit mir und dem Lesestoff etwas anders im Alltag. Den größten Teil des „Bedarfs“ decke ich nicht mit Büchern. Genau genommen lese ich zwar nicht langsamer, aber eben weniger Bücher. Es fehlt die Muße, sich einfach bewusst mit einem Buch in eine gemütliche Ecke zu setzen. Stattdessen lese ich Magazine, natürlich die Tageszeitung und ja, auch Onlineartikel. So was wirkt sich auf das Leseverhalten aus. Weg vom Genuss hin zum schnellen Erfassen von Informationen und leider auch zum Springen von einem Text zum anderen.

Heute Morgen zum Beispiel. Im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung (Tablet Ausgabe) las ich ich den Anfang des Artikels „Willst du Nutella oben sehen, musst du die Tabelle drehen“. Es ging darin um den aktuellen Test von Nuss-Nougat-Aufstrichen der Zeitschrift ökotest. Da sich auf meinem Brot gerade eine dickere Schicht Samba befand, wollte ich natürlich wissen, ob der Aufstrich auch getestet wurde (nein, wurde er nicht). Also schnell die App gewechselt, die Ausgabe von ökotest gekauft, zum Artikel geblättert, überflogen und dann wieder zurück zum Artikel in der SZ. Schon irgendwie krank, oder?

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