Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Mit Konzepten von gestern wie der 42-Stunden-Woche versucht sich ein ehemaliger SPD-Vorsitzender wieder ins Gespräch zu bringen.

Konzepte von gestern

Manchmal werden sogenannte Sommerlöcher dazu verwendet, wichtige oder brisante Themen darin verschwinden zu lassen. Zur Ablenkungen wird dann ausufern über unwichtiges und banales berichtet. Einfach gestrickte Naturen fallen darauf regelmäßig rein, was sich auch diese Woche wieder bestätigt.

Die Wagner-Festspiele in Bayreuth wurden eröffnet, natürlich kamen auch zahlreiche Prominente. Warum auch nicht, wer Opern mag, Wagner trotz seiner antisemitischen Haltung ok findet und sich die Karten leisten kann, darf meinetwegen nach Bayreuth fahren. Von mir aus dürfte er auch tragen, was er will. Mit so einer Haltung wäre das Thema bereits erledigt. Stattdessen zerreißt man sich das Maul über das Kleid der ehemaligen Bundeskanzlerin und macht sich in den (a)sozialen Medien darüber lustig.

Etwas mehr Toleranz an dieser Stelle wäre wohl das Mindestens. Persönlich finde ich es von Angela Merkel einfach klasse, wenn sie sich bewusst den Erwartungen entzieht und ein Outfit wiederverwendet. So was nennt sich Nachhaltigkeit. Abgesehen davon, warum sollte man nicht das gleiche wie vor drei Jahren tragen dürfen?

Viel schlimmer finde ich es, wenn man mit Konzepten von gestern den Arbeitnehmer:innen in Deutschland auf den Sack geht. Etwa mit einer Wiederbelebung der 42-Stunden-Woche.

Gabriel für 42-Stunden-Woche

In der Süddeutschen Zeitung wird über Sigmar Gabriel berichtet, der eine Rückkehr zur 42-Stunden-Woche für erstrebenswert hält. Er möchte, dass wir mehr arbeiten. Irgendwie bekomme ich an der Stelle das Gefühl, ehemalige SPD-Vorsitzende sollten sich mehr in Zurückhaltung mit öffentlichen Aussagen üben. Insbesondere dann, wenn sie für russische Gaskonzerne oder deutsche Fleischverarbeiter (mit fragwürdigen Arbeitsbedingungen) Lobbyarbeit machen oder gemacht haben.

Aber mal zur Sache an sich. Eine 42-Stunden-Woche halte ich für eine sagenhaft dumme Idee. Hier in Ostfriesland wirbt zurzeit ein großes Möbelhaus für die 4-Tage-Woche bei vollem Gehalt und kann sich trotz Fachkräftemangels vor Bewerbern kaum retten. Es geht eben nicht um mehr verdienen, wie Gabriel meint. Beziehungsweise, er drückt sich auf Gutsherrenart aus:

Wollen wir Menschen nicht wieder mehr verdienen lassen, indem wir etwas länger arbeiten?
Sigmar Gabriel

Gegenfrage: Wollen wir die Menschen nicht mehr verdienen lassen, indem wir sie besser bezahlen? Zum Beispiel in der Pflege?

Als Sozialdemokrat müsste Gabriel bei der Erwähnung der 42-Stunden-Woche eigentlich die Schamesröte ins Gesicht steigen. So was steht meiner Meinung nach im Widerspruch für das, was die Arbeiterbewegung für sich erkämpft hat.

Mir erscheint es auch, Krise hin oder her, falsch, Menschen mehr arbeiten zu lassen, wenn anderer keine Arbeit haben.

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