Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Der Lehrermangel in Niedersachsen ist eine Folge von Fehlern und schlechten Arbeitsbedingungen. Echte Lösungen wollen nur wenige.

Pflegekraft im Bildungswesen

In den letzten Tagen mehrte sich mal wieder die Berichterstattung über den Lehrermangel in Niedersachsen. Auch jetzt noch, beim Schreiben dieser Zeilen, muss ich tief durchatmen und meine Worte weise wählen. Andernfalls könnte es sein, dass ich einfach vor Wut explodiere. Meiner Wahrnehmung nach sind insbesondere angestellte Lehrkräfte so was wie die Pflegekräfte im Bildungswesen. Für außenstehende klingt das mit ziemlicher Sicherheit absurd. Die Bezahlung ließe sich doch in keinster Weise vergleichen und überhaupt hätten Lehrer:innen doch so viele Ferien und schon Nachmittags frei.

Der Vergleich ist tatsächlich problematisch. So gibt es in der Pflege kein verbeamtetes Personal, was mal eben 1.000 Euro im Monat mehr verdient als die angestellten Kräfte und zudem auch noch im Alter besser abgesichert ist. Zudem werden Überstunden erfasst und bezahlt. Bei Lehrer:innen ist das alles inklusive, die haben quasi eine Arbeitsflatrate. Allerdings sieht man nicht, wenn sie bis spät in die Nacht noch Klausuren korrigieren oder auch am Wochenende am Schreibtisch sitzen.

Es gibt allerdings eine große Gemeinsamkeit zwischen Pflegepersonal und Lehrer:innen. Die miserablen Arbeitsbedingungen gehen dem größten Teil der Gesellschaft am Arsch vorbei. In beiden Berufsbereichen wird lieber gespart als Geld in die Hand genommen, um die Bedingungen zu verbessern.

Hausgemachter Lehrermangel

Meiner Meinung nach ist der Lehrermangel vor allem eins: hausgemacht. Schon vor der Corona-Pandemie konnte man sehe, welche Defizite es im deutschen Schulsystem gibt — wenn man es denn wollte. Die Pandemie brachte dann nicht nur neue Herausforderungen, sondern führte zu einer Dauerbelastung bei Schüler:innen und Lehrer:innen gleichermaßen. In den letzten zwei Jahren habe ich ziemlich viel mitbekommen — als Partner einer Lehrerin in Niedersachsen an einem Gymnasium. Vieles davon ist haarsträubend-Arbeitsbedingungen, bei denen etwa die IG Metall die Verantwortlichen in Emden öffentliche Teeren und Federn würde. So wird etwas (unausgesprochen) erwartet, dass man im Krankheitsfall Aufgaben für die Klassen zur Verfügung stellt. Und natürlich auch noch krank Klausuren korrigiert, statt im Bett zu liegen.

Quereinsteigern wird, das weiß ich noch aus Köln, das Leben ungemein schwer gemacht. Abgesehen davon gibt es nach wie vor scharfe Kriterien, die man erfüllen muss, um überhaupt für einen Quereinstieg ins Lehramt infrage zu kommen. Studienabbrecher etwa werden trotz Lehrermangels nicht genommen. Dafür will man in Niedersachsen bis zu 400 Euro Prämie für neue Lehrkräfte zahlen — für zwei Jahre. Immerhin will man sich bei Stellenwechslern an den Umzugskosten beteiligen. Vor gut zwei Jahren haben wir die noch vom Wechsel von NRW nach Niedersachsen aus eigener Tasche komplett zahlen müssen.

Da man sich der Attraktivität des Angebots sehr wohl bewusst ist, plant das Schulministerium bereits, die Klassenstärke zu erhöhen. Dabei ist es pädagogisch mehr als fragwürdig, 35 oder mehr Schüler:innen in einer Klasse zu unterrichten — beziehungsweise das zu versuchen.

Echte Lösungen nicht gewollt

An einer echten Lösung ist man, so empfinde ich das, auf politischer Ebene nicht interessiert. Der aktuelle Lehrermangel ist zudem nichts, was „plötzlich“ wie eine Naturkatastrophe über das Land gekommen ist, sondern eine Folge von Fehlentwicklungen. Kleiner Klassen, besser Arbeitsbedingungen, bessere Bezahlung und Gleichstellung der Lehrkräfte. Das alles kostet Geld, was nicht bezahlt werden will. Hinzu komm auf pädagogischer Ebene noch ein gigantischer Reformstau.

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