Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Herumsitzen in einer Talkshow ist kein adäquater Ersatz für die Teilnahme an Sitzungen des Bundestags. Politik gehört genau dorthin.

Unkultur Talkshow

Talkshow als Fernsehformat, dafür konnte ich mich noch nie erwärmen. Unsicher bin ich mir auch, ob es ein Format ist für Menschen, die sich im antiken Rom Gladiatorenkämpfe angesehen hätten. Gut, mir fehlt für einiges die Fantasie. Etwa sich vorzustellen, warum man sich freiwillig drei Stunden Verstehen Sie Spaß? mit Barbara Schöneberger anschauen sollte. Eigentlich wollte der US-Präsident Joe Biden doch Guantánamo schließen, sodass für solche Quälerei kein Bedarf mehr besteht.

Aber wie gesagt, was weiß ich schon. So kann ich mir auch nicht den Grund herleiten, warum wichtige Verlautbarungen nicht mehr in Pressekonferenz, sondern in einer Talkshow erfolgen. Karl Lauterbach hat sich scheinbar im Jahr geirrt. In 2022 kann er sich nicht mehr so verhalten wie in 2021, als er noch nicht Bundesgesundheitsminister war und von einer Talkshow zur nächsten tingelte.

Kommen wir aber zum konkreten Anlass. Gestern schrieb ich über den Wegfall der Isolationspflicht bei einer Erkrankung an COVID-19. Offensichtlich gab es eine ganze Menge mehr Gegenwind (als mein laues Kritiker-Lüftchen hier aus Ostfriesland) für Lauterbach aufgrund seiner Entscheidung.

Galoppierender Wahnsinn

Als Erstes wurde die Rücknahme des Endes der Isolationspflicht von Karl Lauterbach in der Talkshow von Markus Lanz verkündet. Danach nochmal via Twitter. Der Kölner Stadtanzeiger fragt daher zu Recht in der Überschrift zu einem Artikel darüber „Sind Talkshows jetzt die neuen Pressekonferenzen?“. Herr Lauterbach, ganz ehrlich, so geht das nicht. Es ehrt sie, dass sie diese falsche Entscheidung zurückgenommen haben. Aber die Art und Weise spricht nicht für sie.

Im Übrigen brauchen wir gerade bei der Corona-Pandemie eine Politik der klaren Haltung und durchdachten Entscheidungen. So viele sollte man doch in den letzten zwei Jahren gelernt haben. Insbesondere dann, wenn sie als ausgewiesener Experte die Politik der vorherigen Bundesregierung kritisch begleitet haben.

Die Kritik am Bundesgesundheitsminister etwa seitens der CDU ist daher durchaus berechtigt. Wenn die Gesundheitsämter tatsächlich Entlastung fordern, dann sollte das nicht durch gefährliche Aufweichungen von wichtigen Infektionsschutzmaßnahmen erfolgen, sondern durch personelle Aufstockung.

Möglicherweise ist Herr Lauterbach auch nicht die richtige Besetzung für das Amt des Bundesgesundheitsministers. Seine Expertise nicht in Frage stellen, aber möglicherweise wäre jemand besser geeignet, der seinen Job fernab vom Rampenlicht der Talkshows solide und mit Bedacht erledigt. Zu viel Prominenz kann auch ein Fluch sein.

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