Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Eine Minderheit verunglimpft unsere Demokratie aufgrund der Corona-Maßnahmen als Diktatur. Dem Unsinn muss widersprochen werden.

Direktes Versagen

Laut einem Bericht von tageschau.de soll in der Schweiz die Bevölkerung über die Corona-Maßnahmen abstimmen. Als Außenstehender sei die Frage erlaubt, ob in einem Land mit der niedrigsten Impfquote in Europa und explodierenden Infektionszahlen die direkte Demokratie wirklich der beste aller Wege ist.

Dem Begriff der Schwarmintelligenz wurde nicht ohne Grund schon länger die Schwarmdummheit gegenüber gestellt. Gemeinsam erreicht man oft lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner. Ob das angesichts einer Pandemie ausreicht, sei dahingestellt.

Was mich beim lesen der Meldung stutzig machte, ist ein kleines, aber relevantes Detail. So sollen die Gegner der Corona-Maßnahmen die Debatte bestimmen, obwohl sie nur eine kleine Minderheit sind. Mir kommt das seltsam vertraut vor. Auch hier bei uns in Deutschland scheint eine Minderheit die Diskussion zu bestimmen. Eine Minderheit, die sich nicht zu blöd ist, von einer Corona-Diktatur zu sprechen.

Halten wir mal eines fest. Eine Mehrheit der Deutschen ist geimpft (leider nicht ausreichend genug), befürwortet die Impfpflicht und ist im Großen und Ganzen mit den Maßnahmen einverstanden. In den sozialen Netzwerken, im Fernsehen und auch in der öffentlichen Wahrnehmung sind aber deutlich mehr Gegner (Querdenker, Reichbürgergesocks und andere Spinner, die in den 1990er Jahren noch in der psychiatrischen Klinik untergebracht waren) zu hören, lesen und zu sehen. Gleichzeitig lädt man so Spinner wie die Wagenknecht noch weiter in Talkshows ein, wohl wissend, welchen Mist sie von sich gibt. Für die Quote will man die Welt brennen sehen.

Minderheiten und die Diktatur

Deutschland ist ein demokratischer Staat mit freier Presse. Die individuelle Freiheit und Redefreiheit geht sogar so weit, dass Bürgerinnen und Bürger kompletten Blödsinn von sich geben, ohne mit Konsequenzen zu rechnen. Die Spinner, die von einer Diktatur reden, sollten mal Länder wie China zum Vergleich heranziehen. Dort wissen die Unterdrückten, was Zensur und Verfolgung ist.

Beim Frühstück heute Morgen und lesen des Artikel gab es so eine Art lichten Moment der Erkenntnis. Eine Minderheit, die den Diskurs bestimmt und Einfluss auf die Geschicke des Landes nimmt — eigentlich ist die Geschichte voll davon.

Der „Witz“ an Diktaturen ist nämlich der, dass es immer Minderheiten waren, die einen Umsturz zum Schlechteren bewirkten. Die Faschisten in Spanien und Italien, die Nationalsozialisten in Deutschland. Anfangs und lange Zeit eine Minderheit. Saddam Hussein, langjähriger irakischer Diktator, gehört der sunnitischen Minderheit in Land an. Genauso wie der noch amtierende syrische Diktator Assad, der zur religiösen Minderheit der Alawiten in Syrien gehört.

Auch wenn Monarchie nicht als Diktatur gilt, aber es war auch die Herrschaft einer Minderheit über die Mehrheit. Ob in dem Zusammenhang die Bolschewiki wirklich in Russland die Mehrheit der Bevölkerung war, lassen wir mal dahingestellt.

Im Übrigen, Minderheiten an der Macht nicht nur gerne die Mehrheit, sondern auch andere Minderheiten. Und nicht jede Minderheit will den Staat stürzen.

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