Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Vom Liebling bekam Bernd eine SMS. Nicht von seinem Liebling, sondern dem Liebling der Eltern. Seit ihrer Geburt spielte Bernd nur noch die zweite Geige. Wenn überhaupt. Statt einer heftigen Beschimpfung enthielt die SMS nur drei Worte. „Du warst nicht da.“ Mehr musste seine Schwester nicht schreiben. Bernd wusste auch so, was sie meinte. Dazu konnte er sich auch den ihr anhaftenden vorwurfsvollen Ton vorstellen. Jener Ton, der über die Jahre Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen hatte. Selbst das warf sie Bernd vor.

Sein Fehlen auf der Beerdigung der Mutter hielt Bernd immer noch für selbstverständlich. Ein Schwiegermutter bleibt auch nach ihrem Tod eine Schwiegermutter. Genau so verhielt es sich mit einem Mensch, den man zu Lebzeiten hasste. Hass endet nicht am Grab. Wobei es im Fall von Bernd nicht um Hass handelte. Sei Schwiegermutter war ihm, ob lebendig oder tot, schlichtweg egal.

Wieder ertappte sich Bernd dabei, sein Leben in Rückblenden zu denken. Er verfluchte die die SMS seiner Schwester. Mit einer Wischgeste löschte er die SMS, ohne darauf zu antworten. Eigentlich sollte der die Nummer sein Schwester ganz blockieren. Sein Taxi wartet noch immer, als er mit langsamen Schritten darauf zuging. Drinnen saß ein anderer Fahrer. Grußlos stieg Bernd ein. „Zum Bahnhof, bitte.“