Von allen guten und bösen Geistern verlassen

Einst brachte der Ablasshandel der katholischen Kirche den Mönch Luther auf die Barrikaden. Religionsfreie moderne Formen gibt es weiterhin.

Gutes Gewissen tanken

Zu den neuen Angewohnheiten hier in Ostfriesland gehört es bei mir, am Wochenende etwas länger im Bett liegen zu bleiben und dabei Radio zu hören. An Tagen wie heute, wo es draußen nass und nebelig ist, tut das besonders gut. Es sei denn, man hört Werbung, bei dem der Puls stark in die Höhe schnellt und einen weiteren Aufenthalt im Bett sinnfrei erscheinen lässt. Man reißt die Fenster auf, lässt sich die kalte Luft ins Gesicht pusten. Langsam versucht man das Gehörte zu verdauen.

Mir als (immer noch) Nicht-Autofahrer kann Tankstellenwerbung im Grunde egal sein. Wenn aber Shell mit einem CO2-Ausgleich wirbt, den Kunden zu jedem Liter Kraftstoff dazu kaufen könne, lässt mich das nicht kalt. Es ist eine Art Ablasshandel, der da angepriesen wird. Für das gute Gewissen noch mal 1,1 Cent pro Liter mehr zahlen, dann macht die Fahrt mit dem SUV gleich doppelte so viel Spaß.

Angeblich soll das „gespendet“ Geld in von Shell unterstützte Klimaschutzprojekte fließen. Zur Erinnerung: Shell ist ein Konzern, der sein Geld mit Öl macht. Das ist kein regenerativer Energieträger. In der Vergangenheit fiel Shell immer wieder mit schweren Ölkatastrophen wie etwa in Nigeria auf. Dort wurden Tausende Hektar Mangrovenwälder verseucht und die Lebensgrundlage von mehr als 15 000 Menschen zerstört (vgl. SZ-Bericht).

Moderner Ablasshandel

Gegen diese Art Ablasshandel wirkt die Krombacher Regenwald-Kampagne geradezu ehrlich. Bier trinken für den Erhalt des Regenwaldes — klingt für mich auch deutlich überzeugender als Autofahren zum Schutz der Umwelt.

Statt Ablasshandel versucht man es bei der Deutschen Bank mit Nebelkerzen. Eine um Skandale (Zum Beispiel CumEx) nicht arme Bank versucht, von sich abzulenken, in dem sich ein kleines Team Gedanken über die Arbeit im Home Office macht.

Bekanntlich profitieren Menschen (wie ich), die im Home Office arbeiten, über alle Maßen davon. Es gibt enorme finanzielle Vorteile, die diejenigen, die klassisch zur Arbeit müssen, erheblich benachteiligen. Aus diesem Grund denkt man bei der Deutschen Bank laut über eine Home Office Steuer von fünf Prozent.

Dieser Vorschlag ist an Absurdität schwer zu überbieten. Man fragt sich, ob man in der Abteilung vielleicht zu viel Merkwürdiges geraucht oder intensiv an der Erhaltung des Regenwaldes (siehe oben) gearbeitet hat.

Bevor man so einen Mist von sich gibt, sollte man mal die Menschen fragen, die im Home Office arbeiten. Finanziell ist das jedenfalls kein großer Vorteil (höher Heiz- und Stromkosten und so weiter).

Im Übrigen: Ein Schelm, wer Arges denkt. Ist wohl nur ein Zufall, dass die Deutsche Bank eine Immobilien-Sparte hat, die gewerbliche Büroflächen vermietet und die durch vermehrtes Home Office in diesem Jahr nicht optimal läuft.

Eine Antwort

  1. Nun, ich bin mir bei dieser Werbung von Shell auch nicht sicher, was ich davon halten soll, aber wenn das Geld wirklich in die Aufforstung oder andere Klimaprojekte fließt, wäre es zumindest etwas für Menschen, die derzeit auf das Auto angewiesen sind und deswegen ein schlechtes Gewissen haben, der Rest wird eh keine 1,1 Cent pro Liter mehr zahlen, ist denen doch jetzt schon viel zu teuer.

    Die Idee mit der Steuer auf das HomeOffice ist echt nicht wirklich durchdacht. Ich bin mir ziemlich sicher, das, wenn all die Vorteile von HomeOffice für Klima, Umwelt und die Menschen selbst einmal aufaddiert werden, müsste eher über eine Steuer für Arbeitgeber nachgedacht werden, die sich gegen das HomeOffice sträuben, obwohl es möglich wäre.

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