Jury der Unantastbaren

Jury der Unantastbaren

Eine Jury von Unantastbaren verlegt jährlich in Deutschland die Auszeichnung „Spiel des Jahres“. Trotz fragwürdiger Entscheidungen perlt Kritik an der Jury bisher ab.

Kritik den Kritikern

Alle Jahre wieder werden im Mai die Nominierten für den Preis „Spiel des Jahres bekannt gegeben. Von sexuellen Eskapaden der Jury-Mitglieder ist bisher nichts bekannt, so das mit einer Aussetzung der Preisverleihung in diesem Jahr nicht zu rechnen ist. Dennoch gäbe es Grund genug, beim Preis eine Pause einzulegen. Die Kritiker der Jury sehen das aber kritisch und zeigen in einem Beitrag auf Ihrer Seite, wie sie selber mit Kritik umgehen. Der Vorsitzende gibt sich humorig, wenn er eine Liste mit „10 untrügliche Zeichen dafür, dass du nicht (mehr) zur Zielgruppe von „Spiel des Jahres“ gehörst“ aufstellt. Es geht um falsche Erwartungen und die Definition er Zielgruppe.
Man muss dieses zehn Zeichen erst gar nicht wiederholen. Es ist eine Ansammlung von Vorurteilen. Von dummen Vorurteilen. Beim ersten lesen wirkt der Artikel von Tom Felber noch lustig, beim zweiten Mal spürt man die hervorstechende Arroganz der Unantastbaren. Kernthese von Felber ist, dass ein Nerd ,so wie er ihn definiert, niemals zur Zielgruppe von „Spiel des Jahres“ gehört. Mit dem Preis will man schließlich „die Spielekultur in Familie und der Gesellschaft“ fördern.

Muster der Unantastbaren entdeckt
SJTUK / Pixabay

Nominierungen der Unantastbaren

Die Verteidigung von Felber wirkt befremdlich. Nehmen wir mal an, die Jury des Deutschen Buchpreis würde ähnlich argumentieren. Da hätte im letzten Jahr sehr wahrscheinlich nicht Robert Menasse mit „Die Hauptstadt“ den Preis bekommen. Sondern sicher jemand ganz anderes. Das Ziel des Preises ist „Aufmerksamkeit zu schaffen für deutschsprachige Autoren, das Lesen und das Leitmedium Buch“. Ganz offensichtlich traut sich es diese Juryzu, ihr Ziel auch mit Büchern zu erreichen, bei denen lesen ein Stück weit Arbeit ist.
Von der Jury „Spiel des Jahres“ wünsche ich mich schon länger mehr Mut. Mut den sie früher mal hatte. Angesichts der gestern veröffentlichten Listen kann ich nur den Kopf schütteln. Insbesondere die Entscheidung, in diesem Jahr einen Sonderpreis für „Pandemic Legacy – Season 2“ zu vergeben, kann ich nicht nachvollziehen. Es ist kein Spiel, dass den eigenen, von Felber skizzierten Ansprüchen gerecht wird. Es ist auch meiner Meinung nach kein gutes Spiel. Hätte man Mut gehabt, wäre die Auszeichnung an Charterstone gegangen — ein Spiel, welches laut Hunter und Cron auch familientauglich ist.

Hoffen auf den Preisträger

Auf die Nominierungsliste haben die Unantastbaren unter anderem das Spiel „Azul“ gehoben. Leider habe ich es bisher noch nicht gespielt, aber sehr viel Gutes darüber gehört. Das Material macht tollen Eindruck. Würde Azul Spiel des Jahres, würde durch den sinkenden Verkaufspreis noch mehr Käufer finden — mich eingeschlossen.
Was die Nominierung für „Kinderspiel des Jahres“ angeht, halte ich mich mangels eigener Testpersonen raus. Dafür kann ich mich dann mit dem „Kennerspiel“ auseinander setzen. Was ist nominiert? Flacher Witz: Nichts was ich kenne. Von „Heaven & Ale“ habe ich in der Spielbox gelesen, von man die Thematik für sehr trocken und bierernst hielt. Ein Würfelspiel wie „Ganz schön clever“ überhaupt auf die Nominierungsliste zu setzen, zeigt wie sehr sich die Jury von Kennern guter Spiele entfernt hat. Wer zu den Unantastbaren gehört, kann ruhig an der Wirklichkeit vorbei nominieren.
Nein, nicht jedes Spiel das bei BGG im Top-Ranking auftaucht gefällt mir persönlich. Aber die weltweit größte Community für Brettspiele ist in jedem Fall ein Maßstab. Dort findet sich auf Platz 13 etwa Gaia Project. Ein Spiel eines deutschen Verlags, definitiv ein Kennerspiel und der Jury nicht mal eine Erwähnung im Rahmen ihrer Empfehlungsliste wert.

Leben nach dem Preis

Kann man über die Nominierungsliste enttäuscht sein? Kann man. Man darf aber auch wütend sein, so wie ich. Die Auszeichnung erweckt zunehmen den Anschein von Beliebigkeit. Ich für meinen Teil hege starke Zweifel, dass sie dem Kulturgut Spiel wirklich nützt. Der Preis dient als Orientierung für Omas und Onkels, solche Spiele landen unterm Weihnachtsbaum oder werden zu Geburtstagen verschenkt. Wenig später finden sie sich dann massenweise auf Flohmärkten. Mit Kultur hat das wenig zu tun. Mehr mit Ramschware. Am besten man ignoriert einfach „Spiel des Jahres“.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren