Tafel nur für Deutsche

Tafel nur für Deutsche

Essen nur noch für Deutsche. So zumindest lautet die Parole der Tafel in Essen seit dieser Woche.

Verdrängung ausländischer Neukunden

Diese Woche ließ die Tafel in Essen verlautbaren, dass künftig keine ausländischen Neukunden mehr aufgenommen würden. Hier muss man vor der eigentlichen Empörung erstmal versehenen, das „Kunden“ die euphemistische Bezeichnung für Arme und Bedürftige ist. Aber auf die Bezeichnung und ein paar grundsätzliche Gedanken zur Tafel komme ich später noch zu sprechen.
Fakt ist erstmal das, was auch auf der Homepage der Essener Tafel geschrieben steht:

Da aufgrund der Flüchtlingszunahme in den letzten Jahren der Anteil ausländischer Mitbürger bei unseren Kunden auf 75% angestiegen ist, sehen wir uns gezwungen um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen.
Quelle: Website Essener Tafel

Fakt ist leider auch, dass die Regelung seit Dezember letzten Jahres gilt und anscheinend erst jetzt richtig aufgefallen ist. Man muss kein Prophet sein um zu erahnen, welchen Wirbel so eine Regelung verursachen wird. Vorab hätte man auch wissen können, von welcher Seite her falscher Beifall zu hören sein wird.

Gedeckte Tafel
mosiunterwegs / Pixabay

Tafel in der Schusslinie

Das der Entscheidung auch mächtig Kritik entgegen schlägt, hätten man auch wissen können. Aber wie sagte bereits ein ehemaliger Kanzlerkandidat: „Hätte, hätte Fahrradkette.“ Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen und der Imageschaden für die Tafel da. Grundsätzlich halte ich die Entscheidung  für falsch und moralisch fragwürdig. Hunger kennt keine Grenzen. Barmherzigkeit sollte nicht nach dem Personalausweis fragen.
Auf der anderen Seite kann ich ein gewisses Verständnis aufbringen. Wer zu Tafel geht, macht das nicht aus Jux und Tollerei. Sie oder er machte es, weil andere Alternativen fehlen. Betroffene schäme sich häufig auch für ihre Situation. Das gilt insbesondere auch für ältere Menschen. Laut Tafel würden diese durch den hohen Anteil an jungen, ausländisch sprechenden Nutzern des Angebots abgeschreckt. Hier könnte man freilich statt das unkritisch zu übernehmen mal nachhaken, warum ausländische Bedürftige überhaupt so etwas bei älteren deutschen Bedürftigen auslösen. Eine weites Feld mit vielen Minen. Die Kurzformel: unter den Ärmsten in Deutschland gibt es knallharten Verteilungskampf. Allein das wäre schon ein Skandal für sich.

Kern des Problems

Das eigentlich Problem ist nicht die Entscheidung aus Essen. Die ist unglücklich formuliert und kommuniziert worden, ganz klar.. Es ist auch keine echte Lösung, sondern der versuch, mit einem löchrigen Eimer Wasser aus dem kenternden Rettungsboot zu schippen. Auf Seite vier der heutigen Süddeutsche Zeitung brachte es die Überschrift des Kommentars von Heribert Prantl auf den Punkt: „Eine Schande“
Damit ist aber nicht die Entscheidung aus Essen gemeint, sondern die Tafel an sich beziehungsweise die Notwendigkeit ihrer Existenz. Ob Deutsche oder Ausländer spielt keine Rolle, es geht um etwas sehr grundsätzliches. Um den Eindruck den ein Sozialstaat wie der unsrigen hinterlässt, wenn es private Einrichtungen wie die Tafel bedarf, um die schlimmste Not zu lindern. Bedürftigkeit kennt keine Nationalität, schreibt Prantl. Aber es geht noch weiter. Seiner Meinung nach kann es nicht sein, dass die Tafel die Konkurrenz der Bedürftigen ausbaden muss. Hier hat in erster Linie der (Sozial-)Staat versagt. Die angebliche Grundsicherung leistet offensichtlich genau das nicht.
Persönlich halte ich die Tafel für kontraproduktiv. Sie hilft zwar den Bedürftigen, aber sie hilft auch, ein Problem zu kaschieren. Solange es solche Einrichtungen gibt, kann sich der Staat darauf verlassen, dass sein Versagen aufgefangen wird. So wird die Tafel und die Verwendung überflüssiger Lebensmittel zu einer modernen Form des Ablasshandels. Die Bezeichnung der Bedürftigen als „Kunden“ ist Maskerade. Es sind Menschen am unteren Rand der Gesellschaft, denen das letzte Mischen Würde geraubt wurde und die man noch verhöhnt, wenn man sie als Kunden bezeichnet.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren