Einseitiger Vorwärts

Einseitiger Vorwärts

Wenn man nicht die Medien insgesamt kontrollieren kann, dann doch zumindest die Zeitung im eigenen Haus. Das könnte sich der SPD-Parteivorstand in Bezug auf die aktuelle Ausgabe des vorwärts gedacht haben.

Kritik nur am Rande

In Bezug auf den Umfang ist die aktuelle Ausgabe des vorwärts (Zeitung der deutschen Sozialdemokratie) nicht einseitig, sondern besonders dick. Immerhin enthält sie als besondere Leistung den gesamten Koalitionsvertrag. Die eigentliche Ausgabe ist auf 16 Seiten zusammengeschrumpft. Über Sinn und Unsinn der Papierform könnte man wahrlich streiten. Eigentlich gibt es alles bereits im Netz, auch den Koalitionsvertrag als papiersparendes PDF. Nun ist aber nicht jeder Genossen internetaffine, manche beziehen ihre Informationen tatsächlich noch vom bedruckten toten Holz. Man benötigt also keine Grundsatzdiskussion über die Erscheinungsform des vorwärts. Ohnehin hat man in den letzten Jahren die Printausgabe zu Gunsten des Onlineauftrittes reduziert.
Wie dem auch sei, an sich ist es eine lobenswerte Sache, allen Mitgliedern den Koalitionsvertrag zur Lektüre zur Verfügung zu stellen. Immerhin steht ein Mitgliederentscheid (nennt sich jetzt Votum, weil man grafisch so schön ein Kreuz im O unterbringen kann) an. Was mich persönlich erheblich stört, ist Aufmachung und vor allem das, was in der eigentlichen Ausgabe steht.

vorwärts, Genossen!
vorwärts, Genossen!

vorwärts wer folgt

Der größte Teil des bedruckten Papiers besteht aus der Hervorhebung der eigenen Leistungen. Es beginnt mit Vorwort, wie hart man doch verhandelt hat und was alles gutes rausgehauen wurde. Alle Beteiligten habe dann brav unterschrieben. Verschwiegen wird, wie viel gesamten Koalitionsvertrag lediglich vage bleibt. So will man weitere Maßnahmen (die nicht benannt werden ergreifen). Man will prüfen (kommt sehr häufig vor) oder eine Kommission einrichten. Und natürlich evaluieren. So geht das seitenweise. Möglicherweise werden einige beim durchlesen kapitulieren. Aber hey, das ist nicht schlimm. Die Partie hat (immer echt) eine Zusammenfassung an den Anfang und ans Ende gestellt. Durch die Ummantelung ist kein reiner Abdruck des Koalitionsvertrages, sondern der vorwärts hat hier ganz bewusst eine tendenziöse Form gewählt.
Erstaunlich wenig Platz hat man dagegen für Kritik. Lediglich ein Interview mit dem Juso-Bundesvorsitzenden Kevin Kühnert ist enthalten. Natürlich in Form einer Diskussion mit SPD-Generalsekretär Lars Klingenbeil, so dass man Opposition wenig Platz einräumt. Man bekommt auch den Eindruck, hier nur eine verkürzte Fassung vorliegen zu haben. Die Position von Kühnert kommen nicht zum tragen, dazu dann ein paar Fotos, die Kühnert bewusst ins schlechte Licht rücken. Bildsprache hinterlässt eben auch ein Statement.
Dafür darf sich dann an anderer Stelle Andrea Nagels austoben. Schließlich will die Frau noch was werden in der Partei (oder was davon nach dem Mitgliederentscheid über bleiben wird). Die Vize-Chefs der Bundestagsfraktion berichten weiter hinten dann noch von ihren Erfolgen, die sie mitverhandelt haben. Ganz großes Kino.

Neutrale Beobachter

Bei so bedeutsamen Themen gibt es in der überregionalen Presse sehr häufig Pro und Contra im gleichen Umfang. Zwei Journalisten-Stimmen zum gleichen Thema mit sorgfältig untermauerten Argumenten. Genau das vermisse ich im vorwärts. Hier wird viel Geld ausgegeben, um die Mitglieder in eine bestimmte Richtung zu lenken.

Post Skriptum: Von den Jusos aus Sachsen gibt es noch mal eine Info bezüglich der Gewichtung: „Rund 1 Prozent des vorwärts zum Mitgliedervotum bildet die Position gegen die GroKo ab.“

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren