Pandemic Legacy 2

Pandemic Legacy 2

Direkt eine Warnung vorweg. Wenn ich im nachfolgenden über Pandemic Legacy 2 schreiben werde, dann sind in jedem Fall Spoiler unvermeidbar. Wem das egal ist, der kann weiterlesen und erfahren, warum ich es für das schlechteste Spiel 2017 halte.

Anfangsbegeisterung

Reden wir aber zuerst über die Anfangsbegeisterung. Die gab es in Bezug auf Pandemic Legacy 2 tatsächlich bei mir. Hier genügt es, einfach ein paar Monate zurück zu blättern. Zu dem Zeitpunkt befand sich unsere Gruppe allerdings noch am Anfang des Spiels. Das Season 2 besser ist als Season 1, dass sollte ich in jedem Fall auch revidieren. Am Ende zählt nämlich immer der Gesamteindruck. Der war nicht nur für mich ziemlich ernüchternd.
In unserer Spielgruppe gab es niemand, der nicht erleichtert gewesen wäre. Erreicht darüber, dass das Spiel endlich zu Ende ist. Eigentlich gab es große Bereitschaft, den Dezember nicht zu Ende zu spielen. In dem Moment, wo das Spiel sein Ende erreicht, befand ich mich gerade auf dem stillen Örtchen. Ich hörte nur einen Tumult im Wohnzimmer und rief dann beim Händewaschen: „Ist es endlich vorbei?“. Genau dieser Satz trifft es dann auch. Endlich vorbei.

Pandemic Legacy 2
lukaszdylka / Pixabay

Pandemic Legacy 2 enttäuscht

Von Pandemic Legacy 2 bin ich auf ganzer Linie enttäuscht worden. Mir ist durchaus bewusst, wie viel begeisterte Anhänger es weltweit gibt. Das nützt aber nichts, denn das Spiel muss mir genau so wie der Gruppe, mit der ich spiele, Spaß machen. In diesem Punkt ist Pandemic Legacy 2 grandios gescheitert. Ehrlich gesagt bereue ich es auch so ziemlich, mir das Spiel gekauft zu haben, weil jetzt fast 70 Euro Müll zu Hause herumliegen. Wie bei Legacy Spielen üblich kann man es nur einmal spielen. Darauf habe ich mich bewusst eingelassen und würde es auch nicht schlimm finden, wenn denn ein entsprechendes Spielerlebnis dem gegenüber stehen würde.
Damit kommen wird dann endgültig zu dem Teil, wo Spoiler mit einfließen müssen. Sie sind deshalb notwendig, um der grassierenden Begeisterung fundiert etwas entgegenzusetzen. Im Wesentlichen werde ich mir drei Aspekte vornehmen. Story, Mechanik und Material.

Hanebüchende Story

Fangen wir mal mit der Story selber an. Es gibt ja einige Spieler, die etwa Charterstone im Vergleich zu Pandemic Legacy 2 eine schwache Story vorwerfen. Das sehe ich völlig anders. Meiner bescheidenen Meinung nach kann man bei der Story durchaus Vergleich zur fiktionalen Literatur heranziehen. Nimmt man das als Maßstab, fällt Pandemic Legacy 2 in den Bereich der Schundliteratur — eine Bezeichnung, die nicht oft und wenn auch nur äußerst ungern verwende. Bei Pandemic Legacy 2 ist aber leider absolut zutreffen. Selbst die deutsche Übersetzung kann da nicht als Entschuldigung für herhalten. Wobei sie einiges schlimmer macht, etwa die „Holen Männer“.
Den vermeintlichen Zielort ernsthaft Utopia zu nennen, gehört für mich zu den wirklich dummen Punkten in der Story. Genau so wie der vermeintliche Wendung, dass man selber zu den Erloschenen gehört. Aus diesem Grund macht es auch nichts, wenn die Gruppe das Spiel verliert. Nach Teil 1 war man ja ein Teil des Problems, was nun verschwunden ist. Immerhin, die Story ist nicht nur Fassade. Die Erzählkarten enthalten zum Teil auch versteckte Hinweise. Ahnt man das nicht (so wie wir), wird das Spiel offensichtlich erheblich schwerer.

Spielmechanik

Womit wir dann bei der Spielmechanik sind. Ganz ehrlich, ich bin ein guter Spieler. Als Konsolengamer und Shooter-Spieler besitze ich auch eine relativ hohe Frustrationstoleranz. Was mir Pandemic Legacy 2 in dieser Hinsicht abverlangt, ist eindeutig zu viel. Ständig eins auf die Nase zu bekommen, gewürzt mit einer holen Story, ist wirklich zu viel. Am Anfang hat man noch den Eindruck, es würde aufwärts gehen. Bis dann die vielen Monate kommen, wo man im Prinzip immer wieder die genau gleichen drei Aufgaben zu bewältigen hat. Für ein Legacy ist das eindeutig zu dünn. Natürlich fällt man Entscheidungen auf Grund des Wissensstandes, die einem später bitter um die Ohren fliegen.
Was die Anzahl der Regeln angeht, ist Pandemic Legacy 2 eindeutig überfrachtet. Es kommen im Laufe der Partei sogar noch mehr dazu, so dass man im späteren verlauf so viele Aktionsmöglichkeiten mit seiner Figur hat, dass es fast unüberschaubar wird. Vergleichbar mit der Eleganz von Pandemie ist das schon mal gar nicht. Die Stärke under Erfolg von Season 1 rührt aber zu einem wesentlichen Teil daher, dass sie auf einem bewähren und guten Spielprinzip aufsetzt. Von diesen Wurzeln entfernt sich Seasons 2 — was sich zu einem großen Nachteil entwickelt. Rob Daviau ist kein begnadeter Spieleautor. Da nützt ihm in Seasons 2 auch nicht die erneute Hilfe von Matt Leacock. Was mich persönlich betrifft, ich werde mir nie wieder ein Spiel von Rob Daviau kaufen noch bereit sein, eins von ihm zu spielen.

Unfaires Ende

Das Ende von Season 2 gehört mit zum dem miesesten überhaupt. Vielleicht kann man den Dezember schaffen, das Spiel wirklich gewinnen. Das sich eine Spielfigur infizieren muss und es dann quasi zu Fuß bis nach Johannesburg schafft, halte ich für wenig wahrscheinlich. Dort sollte sie aber hin, um das Spiel überhaupt gewinnen zu können. Schade, wenn man ausgerechnet Johannesburg vorher überhaupt keine Bedeutung geschenkt hat. In dem Moment, als unsere Gruppe den Auftrag bekam, war das Spiel im Prinzip schon gelaufen. Was dann auch die Weigerung erklärt, den Dezember überhaupt zu spielen. Nur viel Zureden half hier, das unvermeidliche doch noch anzugehen. Hätten wir rückblickend aber auch gleich lassen können.

Billiges Material

Das Material in Pandemic Legacy 2 mag vielleicht zweckmäßig sein, gehört für mich aber zu einer weiteren Enttäuschung. Bei dem Preis billiges Plastik in die Box zu packen, ist schon recht unverschämt. Nochmal der Vergleich zu Charterstone: dort hat man zum selben Preis hochwertiges Material. Zudem muss man hier berücksichtigen, dass Charterstone von einem erheblichen kleineren Verlag herausgegeben wird als Pandemic Legacy — hier steckt mit asmodee ein Riese hinter.
Fragwürdig ist auch, warum bestimmte Komponenten (oder Sticker) im Spiel dabei sind. Die Ratten ergeben keinen Sinn, die Schutzräume haben eine so untergeordnete Rolle, dass hierfür keine Komponente nötig gewesen wäre. Immerhin, eine Verbesserung gegenüber Season 2 sollte man nicht verschweigen: die Rubbelfelder sind erheblich verbessert worden.

Willkür

Es gibt einen Unterschied zwischen Zufall und Willkür. Pandemic Legacy 2 unterstelle ich in weiten Teilen Willkür. Das fängt bereits bei den gleich aussehenden Charakterbögen an. Die sind tatsächlich nämlich nicht gleich, denn unter den Rubbelfeldern verbergen sich an unterschiedlichen Stellen die Narben. Keine Diskussion, so was ist unfair. Unfairness ist auch das, was für mich weite Strecken der Season 2 geprägt hat. Das Spiel macht keinen wirklichen Spaß. Wenn ich persönlich Entscheidungen haben möchte, die mit unwiderruflichen Konsequenzen verbunden sind, reicht mir das ganz normale Leben. Bei Spielen sollte das Spielerische im Vordergrund stehen. Und eben die Möglichkeit, immer wieder neue Möglichkeiten ausprobieren, eine andere Strategie wählen zu können. Das geht bei Legacy Spielen nicht. Hier erscheint es mir fraglich, ob es eigentlich noch wirklich Spiele sind. Oder im besten Fall nur eine Form der Unterhaltung für ein paar Stunden, die danach auf dem Müllhaufen landet.
Wenn ich Türchen aufmachen will, nehme ich einen Adventskalender. Und wenn ich will, dass es Konsequenzen hat, kaufe ich einen mit extra viele Schokolade. Pandemic Legacy 2 versucht etwas schwer zu definierendes und scheitert unter anderem genau deshalb. Als Spiel und als Erlebnis.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren