Verrat der Erben

Verrat der Erben

Es gibt ein Zitat, welches bei der SPD sofort einen Abwehrreflex auslöst. Dabei ist der Verrat eigentlich nicht von der Hand zu weisen.

Historischer Abriss

Ganz konkret geht es um das Zitat „Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten!“. Im meinem Kopf wird das immer auch ergänzt durch „Wer war mit dabei? Die kommunistische Partei!“. Automatisch löst das bei mir als (noch) SPD-Mitglied auch diesen Reflex aus und ich lande beim der Dolchstoßlegende. Am Ende des 1. Weltkrieges hieß es seitens der Heeresführung, die Armee sei im Felde unbesiegt. Man hätte den Krieg gewinnen können, wenn man denn nicht an der Heimatort verraten worden sei. Vaterlandslose Gesellen hätten dem Reich quasi von hinten das Messer in den Rücken gerammt und Deutschland verraten. Es gehört zu den Mythen, das auch die damalige SPD zu diesem „Pack“ gehört haben soll.
Tatsächlich haben sich Männer wie Erich Ludendorff die Sache recht einfach gemacht, um sich aus der Affäre zu ziehen. Sie waren es, die den Krieg geführt haben, am Ende aber keine Verantwortung übernehmen wollten. Schaut man sich die geschichtlichen Abläufe an, so wurden nach der Abdankung von Kaiser Wilhelm II. und dem Rücktritt des Interims Reichskanzlers Prinz Max von Baden von diesem die Regierungsgeschäfte auf den damaligen Mehrheitsführer im Reichstag übertragen. Das war Friedrich Ebert von der SPD. Er erbte somit nach dem verlorenen Krieg die Aufgabe, den Waffenstillstandsvertrag zu vereinbaren — zu einem Zeitpunkt, wo die Westfront noch auf französischem und belgischen Gebiet verlief. Mit Verrat hat das Ganze nichts zu tun.

Verrat im Nebel
jarmoluk / Pixabay

Korrekt zugeordnet

Das eigentlich Zitat entstand aber viel früher und hat nichts mit der Rolle der SPD im Jahre 1918 und später zu tun. Sondern mit dem, was die SPD 1914 und bis zum Kriegsende getan hat. Ohne die Zustimmung der SPD zu den Kriegsanleihen 1914 wäre der 1. Weltkrieg damals so nicht möglich gewesen. Wie weite Teile des Bürgertums war auch die SPD besoffen von der Aussicht, durch Zugeständnis an den Kaiser in Kriegsfragen selber Zugeständnis zu erhalten, die zu einer Durchsetzung ihre Forderungen führten. Man ließ sich auf eine Burgfriedenspolitik ein, auch um nicht den Makel, nicht staatstragend zu sein, verpasst zu bekommen. Genau darin liegt der eigentliche Verrat und die Quelle des Zitats. Als Kaiser Wilhelm der II. in seiner Balkonrede davon sprach, „ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche“, durfte sich die SPD dazugehörig fühlen.
Inzwischen sind viele Jahrzehnte vergangen und es lässt sich auch nicht bestreiten, wie viel Gutes die SPD für unser Land bewirkt hat. Den Verrat überhaupt noch hervor zu ziehen, gehört sich streng genommen nicht. Wer alles in einen Topf wirf, der hat auch ein anderes Zitat übersehe:

Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.
Otto Wels

Dieser Ausspruch stammt von Otto Wels in der letzten freien Rede im Deutschen Reichstag — bevor die Nationalsozialisten endgültig die Macht übernahmen. Otto Wels hielt seine Rede, obwohl SA-Männer anwesend waren.

Neuerlicher Verrat

Wenn man angesichts der ziemlich sicher auf die SPD zukommende Große Koalition erneut von Verrat spricht, sollte man sehr vorsichtig sein. Viele Genossinnen und Genossen haben für Freiheit und Demokratie ihr Leben gelassen. Dennoch, es gibt ein Echo aus der Vergangenheit. Man könnte es auch als Erbe des damaligen Verrats und der Zustimmung zu den Kriegsanleihen bezeichnen. Die SPD stimmte zu, um staatstragend zu sein. Jetzt nimmt sie „ergebnisoffene“ Gespräche auf, weil man sich ihnen nicht verweigern dürfe. Man gibt sich wieder staatstragend.
Man glaubt, es für das Land machen zu müssen, statt dran zu denken, was man den Menschen schuldig ist.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren