Gutenberg im Selbsttest

Gutenberg im Selbsttest

Drohende Schatten kennt man aus Herr der Ringe. Seit dem Projekt Gutenberg auch von WordPress. Ein Grund mehr, sich die neue Form der Inhaltserfassung näher anzusehen.

Staunen statt meckern

Wenn mir eins am vergangenen Wochenende auf dem WordCamp bewusst geworden ist, dann dies: ich komme nicht daran vorbei (wieder so eine Anspielung auf Herr der Ringe) mich frühzeitig mit Gutenberg zu beschäftigen. Man kann noch so viel darüber lesen, etwa in die sehr gute Übersicht bei ithemes. Letztendlich muss man sich aber selber einen Eindruck verschaffen. Also eine frische WordPress Installation aufziehen, vielleicht sogar Dummy-Daten importieren und dann das Gutenberg Plugin installieren. Die Warnung

Nur für Entwicklung, setze es nicht auf realen Websites ein.

sollte man wirklich ernst nehmen. Das Ganze wirkt nämlich wenn überhaupt dann wie eine sehr, sehr frühe Alphaversion. Statt zu meckern, geht es aber erstmal ums staunen.
Anders als befürchtet, macht Gutenberg auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Das liegt unter anderem am eingebauten Demo.

Demoinhalte von Gutenberg
Demoinhalte von Gutenberg

Alles basiert auf Blöcken

Für die, die bisher noch nichts von Gutenberg gehört haben, eine ganz kurze Zusammenfassung. Gutenberg soll fester Bestandteil von WordPress 5 werden und den bisherigen Editor vollständig ablösen. Dabei ist Gutenberg nicht lediglich ein anderen WYSIWYG-Editor, sondern ein ganz neues System. Wie bei den Pagebuildern (DIV, Beaverbuilder, Elementar etc.), die sich einiger Popularität erfreuen, basiert Gutenberg auf Blöcken. Statt also wie bisher lediglich text zu erfassen und ihn zu formatieren, wird man eine Seite oder einen Artikel aus Blöcken erstellen können. Wichtig ist hier „können“, denn wem das alles zu aufwendig ist, der kann auch alles wie gehabt runterschreiben und dafür den Block „Classic Text“ nutzen. So ganz stimmt das allerdings nicht, denn die bisherige Funktion, einfach nur die reinkopieren einer YouTube URL das Video einzubetten, funktioniert im Block „Classic Text“ nicht. Dafür muss man entsprechend ein neues Element vom Typ „Embeded“ auswählen.
Spätestens dann ist natürlich Schluss mit dem „Classic Text“, da man nach dem Video-Element einen zusätzlichen Block benötigt, wenn man weiter Text schreiben möchte. Den Verlautbarung nach soll Gutenberg alle bisherige Seiten und Artikel konvertieren können zu klassischen Text-Blöcken. Das gelingt aber anscheinen derzeit nur bei reinem Text. Verfasst man einen Artikel mit eingebunden Video und wechselt dann zu Gutenberg, bekommt man abgesehen vom Seitennamen nur eine leere Seite im Editor angezeigt. Vermutlich sind das derzeit noch Schwächen, die sich ausbügeln lassen.
Auf der anderen Seite steht nämlich ein ziemliches Vergnügen, mit den Blöcken zu spielen. Etwa Textelement zu verschieben, so wie man es in TYPO3 seit Urzeiten kann.

Die Pferdefüße

Gerade im Vergleich zu TYPO3 fällt dann bei den Blöcken auf, was fehlt. Man kann Blöcke nicht einzeln ausblenden (wie das auch bei anderen Pagebuildern für WordPress möglich ist. Entsprechend gibt es für die Blöcke auch keine Zeitsteuerung oder eine Möglichkeit, sie abhängig von Benutzerechten einzublenden im Frontend. Das muss man aber nicht haben.
Bei meiner Beschäftigung mit den Blöcken wurde mir, wie schon vermutet, deutlich, wenn die Umstellung am härtesten triff und wer davon wenig spüren wird. Für meinen Blog wird sich, sofern die Kinderkrankheit ausgebügelt sind, nichts ändern. Die Blöcke stellen dann eine nette Bereicherung da — allerdings nur dann, wenn die Ausgabe über das Theme auch unterstützt wird. Denn einer der Pferdefüße von Gutenberg ist der, dass man die Ausgabe und die Formatierung über CSS komplett dem jeweiligen Theme überlässt. Das hat Vorteile, allerdings auch Nachteile. Wie die Blöcke letztendlich aussehen, steht und fällt mit dem Theme.
Im Gegensatz zu Elementar hat Gutenberg auch kein Frontend-Editor, sondern bleibt (bisher) auf das Backend beschränkt. Apropos Elementor. Gutenberg ist zu Pagebuilder wie Elementor und anderen (derzeit) nicht kompatibel. Hat man Elementor aktiviert und aktiviert dann Gutenberg, steht Elementor nicht mehr für Seiten zur Verfügung.

 

Ein Textblock
Ein Textblock

Gutenberg — nichts für Autoren

Wenn ich mal die Agenturbrille zur Seite lege und Gutenberg nur aus der Sicht eines Bloggers (und Autors) betrachte, dann ergibt sich gerade für Vielschreiber wie mich ein differenziertes Bild. Die neue Oberfläche scheitert in Bezug auf Usability auf ganzer Linie. Bisher war es zumindest theoretisch noch möglich, seinen Text direkt im Browser zu schreiben — auch wenn ich das aus pragmatischen Gründen anders handhabe. Gerade der Modus für ablenkungsfreies Schreiben ermöglichte genau das. Man konnte seinen Artikel tippen, sah die Wortzahl (nicht unwichtig) und konnte am Schluß noch formatieren und Zwischenüberschriften definieren. Oder wie ich, einfach den Text anderswo schreiben und rüber kopieren. Der bisherige Editor entsprach in der gesamten Handhabung einer Textverarbeitung — was auch bei Schulungen immer ein starkes Argument ist.
Um jetzt den Word Count angezeigt zu bekommen, muss man auf ein undefinierbares Icon klicken. Es öffnet dann eine Anzeige, die aber sofort wieder verschwindet, wenn man an anderer Stelle klickt und am Text weiterschreiben will. Ein neuer Abschnitt (Eingabe-Taste) erstellt automatisch einen neuen Text-Block. Um später eine Zwischenüberschrift einzufügen, muss man einen entsprechenden Block erstellen.
Kopieren aus anderen Anwendungen heraus, so wie ich das derzeit mache, bringen sehr unterschiedliche Ergebnisse. Am besten geht es, wenn man für seinen vorgeschriebene Artikel in den Textmodus wechselt, dann alles reinkopiert und anschließend in den Visual Modus wechselt. Den dann erstellten Classic Text Block kann man dann umwandeln in Blöcke. Dabei werden dann auch h-Tags in Überschriftenblöcke konvertiert.
Am Ende des ganzen Prozesses will man natürlich seine Arbeit speichern. Bisher reichte dazu ein Klick auf den Button „Veröffentlichen“ beziehungsweise „Aktualisieren“. Den Button gibt es Gutenberg nach wie vor, nur öffnet er einen Dialog. Dort finden sich die Sicherbarkeitseinstellungen, das Veröffentlichungsdatum und dann ein weiterer Button, um wirklich zu veröffentlichen. Statt wie bisher ein Klick also zwei Klicks. Für mich definitiv eine Verschlechterung.

 

HTML-Ansicht mit Kommentar-Tags
HTML-Ansicht mit Kommentar-Tags

Licht und viel Schatten

Noch mal ganz deutlich: die Idee hinter Gutenberg ist spannend, das Arbeiten mit Blöcken macht Spaß. Wenn die neue Art, Inhalte zu erfassen eine Option wäre, die man im Theme oder in der wp-config.php aktiviert, würde ich optimistisch in die Zukunft blicken. Man wird aber nicht die Wahl haben. Die tägliche Arbeit mit WordPress in meinem privaten Blog wird umständlicher werden. Im Agenturgeschäft wird der Wechsel eine Katastrophe sein, einige vorhandene Kundenprojekte dürften mitunter sogar ein Totalschaden werden.
Das ganze Projekt ist gut gewollt, aber meiner Meinung nach bisher nicht gut umgesetzt. Die Liste der noch vorhanden Bugs sind Legion, wie ich bei meinem Selbsttest feststellen musste. So funktioniert etwa im Textmodus die gesamte Fomatierungspallete nicht.
Da Gutenberg fester Bestandteil von WordPress 5 werden soll und Matt Mullenweg hinter dem Projekt steht, wird sich entweder der Release von Version 5 immer weiter hinauszögern, oder aber wir werden ein sehr unfertiges Produkt bekommen — BananenPress, reift beim Anwender. Für mich spricht es ganz stark dafür, den Benutzern die Wahl zum lassen oder aber Gutenberg wie bisher als optionales Plugin weiter zu führen.

5 Replies to “Gutenberg im Selbsttest”

  1. Schön geschrieben! Dabei ist das bis heute noch nicht gelöste Thema Kompatibilität zu existierenden Plugins/Individuallösungen (Stichwort Meta-Boxen) noch gar nicht erwähnt.

    1. Danke! Auf die Meta-Boxen bin ich bewusst nicht eingegangen — das ist eine riesige Baustelle. Wäre eine Katastrophe, wenn Plugins wie Yoast nicht mehr funktionieren würden.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren