Es war Nachmittag, der 24. Dezember. Wir hatten, wie zu erwarten war, keinen Weihnachtsbaum. Mama lag auf dem Sofa mit einer Decke auf und einer Migränetablette im Bauch. Papa werkelte im Keller und Bettie hatte sich heulend in ihr Zimmer eingeschlossen. Hoffentlich würde sie diesmal wenigstens von alleine wieder rauskommen, obwohl mir das ja egal war. Ich schaute noch mal in die Plastiktüte. Mir war klar, dass dieses Buch mit den komischen Notizen unserem Nachbarn gehörte.
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Der kalte Geruch einer verlassenen Wohnung schlug Winfried entgegen. Er hatte allerdings nichts anderes erwartet, denn die Reihenhaushälfte wurde von ihm ganz alleine bewohnt. Winfried trug das Fahrrad in den Keller. Ihm würde wohl nichts anderes über bleiben, als es nach Weihnachten zu reparieren. Jetzt galt es aber erstmal, den Weihnachtsbaum zusammen zu stecken. Die Trauer über den Verlust des Notizbuches stellte sich dabei von ganz alleine ein.
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Die Rückfahrt über schwieg Papa. Wir hatten drei angebliche Verkaufsstellen für Weihnachtsbäume aufgesucht, nur dass es dort keine Bäume mehr zu kaufen gab. Sicher, die meisten hatten noch so verkrüppelte Reste, die sie völlig Verzweifelten zu horrenden Preisen andrehen wollten. Zum Glück siegt bei Papa aber der Geiz, denn ich für meinen Teil wollte meine Geschenke nicht und einem Teil liegen haben, dass aussah, als hätte es zu lange in Tschernobyl gestanden.
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Das mit dem platten Reifen hätte nicht sein müssen. Ausgerechnet auch noch beim Hinterrad, dass bedeutend schwer zum ausbauen war. Winfried ärgerte sich. Noch mehr ärgerte er sich jedoch über die Familie aus der Nachbarschaft. Fast vor seiner eigenen Haustür stand irh Auto mit laufenden Motor und es wurde auch noch gehupt. Der verwöhnte Sohn der Familie stieg ins Auto. Ging wohl noch mal ins nächste Kaufhaus, noch größere Geschenke aussuchen.
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Heiligabend. Immer noch kein Weihnachtsbaum in Sicht. Die vorsichtige Erwähnung des Wortes „Kunstbaum” von Mama führte zu einem Streit, der sich fast schon wie der Vorabend einer Scheidung anfühlte. Das heftige Zugknallen der Haustür beendete die Diskussion. Papa war draussen. Von dort hört ich seine sehr laute Stimme, als sie meinen Namen rief. Auch ein verzweifeltes Kulleraugengesicht Richtung Mama würde mir jetzt nicht helfen, also ergab ich mich meinem Schicksal.
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Nach siebenundzwanzig Minuten und vier Minuten fuhr der ICE am Wartehäuschen vorbei. Winfried trug die Zeit in sein Notizbuch ein. In zwölf Minuten sollte der Regionalzug kommen. Vielleicht war er ja pünktlich, aber Winfried glaubte es nicht. In den folgenden Minuten ließ er seine Gedanken etwas schweifen, blieb aber dann doch an einer Sache hängen. In zwei Tagen war Heiligabend. Wieder eines der vielen Weihnachtsfeste, die er alleine verbringen würde. Wobei er ja nie wirklich alleine war. Er musste nur einen Knopf drücken und alle seine Freunde waren direkt in seinem Wohnzimmer.
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Am nächsten Morgen. Durch unser Haus zog noch immer nicht der vertraute Duft eines ganz speziellen Baumes. Für uns stellte sich nie die Frage danach, welche Sorte Baum aufgestellt werden sollte. Eine Nordmanntanne kam einfach nicht ins Haus. Sicher, Papa fluchte, wenn auch leise, jedes Jahr beim aufstellen der Blaufichte. Aber Weihnachten ohne den vertrauten Geruch von Harz war einfach unvorstellbar. Auf Zehenspitzen ging ich die Treppe runter und schaute vorsichtig ins Esszimmer. Mama und Papa saßen schon am Frühstückstisch, über dem ein eisiges Schweigen hing. Von Bettie war nichts zu sehen.
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Genau neun Minuten und zwanzig Sekunden saß Winfried schon im Wartehäuschen, das Notizbuch in der einen Hand, in der anderen einen akkurat angespitzten Bleistift. Von der gleichen Sorten hatte er in einer Metallschachtel noch fünf weitere dabei. Zehn Minuten und drei Sekunden. Der Wind, der um Häuschen schlich, wurde kälter und langsam ging der Regen in so was wie Schneeregen über. Der Zug, auf den Winfried wartet, war jetzt bereits genau sechs Minuten und besagte drei Sekunden zu spät. Mit einem kurzen Blick nach links überzeugte sich Winfried davon, dass er selbst mit zusammen gekniffenen Augen nicht in der Ferne zu sehen war.
Der Haussegen hing schief. Im Gegensatz zu den bisherigen Weihnachtsfesten, jedenfalls soweit ich mich erinnern kann und nicht mehr glaubte, dass der Weihnachtsbaum auch vom Christkind gebracht wurde, hatte Papa in diesem Jahr noch keinen Baum besorgt. Meine kleine Schwester Bettie, die nicht nur einen bescheuerten Namen hatte, quengelte schon seit Tagen. Sie wollte unbedingt den Baum mit schmücken, nach dem ihr durch eine Mitschülerin gesteckt wurde, wer tatsächlich die Geschenke bringt. Zu dumm nur, dass es bei der besagten Mitschülerin zu Hause niemanden gab, der Geld für Geschenke hatte.
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Wochenende, das letzte vor Heiligabend. Die meisten Menschen waren auf dem Höhepunkt ihres Kaufrausches angekommen. Für Winfried traf das nicht zu. Genau genommen wies sein bisheriges Leben erstaunlich wenig Höhepunkte auf. Sicher, beruflich konnte er sich nicht unbedingt beklagen. Das was er machte, war allerdings zu kompliziert, um es in wenigen Sätzen einer Partybekannschaft zu erklären. Nicht etwa, dass Winfried auf Partys ging oder irgendwelche Bekanntschaften hätte. Aber würde er gefragt werden, was er denn so mache, er würde wohl nur sagen, dass er irgend so einen Verwaltungsjob in einer Behörde hätte. Das klang unauffällig und langweilig und kam dabei der Wirklichkeit erstaunlich nah.
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