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Ein äußerst merkwürdiger Traum ließ mich noch Stunden nach dem Aufwachen grübeln. Alles fing an mit einer Busfahrt. Es sollte irgendwo hin gehen, vermutlich Urlaub an der Ostsee. Am Abend zuvor hatte ich die Dokumentation „Ostsee von oben“ gesehen. Das wurde also von meinem Gehirn im Traum verarbeitet. Die Busfahrt stimmt auch irgendwie, denn als meine Frau und ich vor einigen Jahren mal Urlaub im Fischland machten, mussten wir die letzte Strecke mit dem Bus fahren – ich hasse Bus fahren.

Während der Busfahrt kam es zu einer Verspätung, irgendeine Störung an der Strecke (das habe ich sonst nur beim Bahn fahren). Dann erreichte der Bus das Ziel. Meine alte Schule, kurz nach acht morgens. Ich stieg aus und ging über den Schulhof und wurde natürlich vom Rektor abgefangen, der die Angewohnheit hatte, Zuspätkommer persönlich zu ermahnen. Mit schlechtem Gewissen versuchte ich die Schuld für meine späte Ankunft auf den Bus zu schieben. Schließlich sei ich pünktlich aus dem Haus gegangen. Er begann dennoch mit seiner üblichen Gardinenpredigt, die ich jedoch unterbrach mit dem Hinweis, dass wir uns eigentlich selten morgens auf dem Schulhof sehen würden. Mit anderen Worten, eigentlich kam ich fast nie zu spät.

PIX1861 / Pixabay

Die Art und Weise wir ich im Traum formulierte, ließ mich stutzen. Dann begriff ich es. Mein Ich aus der Zukunft war im Körper aus der Vergangenheit. Keine angenehme Vorstellung, wie sich auch schnell bestätigte. Was hatte ich in der ersten Stunde? Ich kramte in meiner Schultasche und fand den Stundenplan. SoWie-LK. Dummerweise fehlte auf dem Stundenplan die Raumnummer. Ich begab mich in den ersten Stock, wo ein paar Klassentüren noch offen standen, obwohl der Unterricht bereits begonnen hatte.

Erneut öffnete ich meine Schultasche, auf der verzweifelten Suche nach einer Raumnummer. Mein Ich aus der Zukunft konnte sich nämlich nicht mehr an die Gesichter der Mitschüler erinnern. Die offenen Klassentüren waren demnach keine Hilfe. Diese kam dann von einem Schüler.

„Was suchst du denn da noch, komm doch endlich rein! Er hat schon angefangen.“

Möglichst unauffällig versuchte ich mich in den Raum zu schleichen. Die Tische waren zu einem Hufeisen angeordnet, hinter an der Tür befand sich offensichtlich mein Platz. Auf dem Tisch stand ein Einkaufskorb. Den stellte ich herunter und fauchte den Mitschüler zu meiner linken Seite an. Was das denn sollte. Erst jetzt wurde der Lehrer auf mich aufmerksam. Ob ich denn etwas zu sagen hätte, was für alle interessant sei. An der Tafel hingen Bilder von Markenprodukten und No-Name Produkten. Offensichtlich hatte die Unterrichtsstunde etwas damit zu tun.

Mein selbstbewussteres Ich aus der Zukunft entgegnete dem Lehrer auf seine Frage hin mit einem Angebot und einer Gegenfrage. Ob ich nach vorne kommen könnte für ein Impulsreferat zu Thema. Mich erstaunte das im Traum genau so wie jetzt beim niederschreiben. Der etwas überrumpelte Lehrer hatte nichts dagegen und so ging ich nach vorne und legte los. Ein Vergleich zwischen Markenprodukten und No-Name Produkten am Beispiel eines Tiefkühl-Fischgerichtes. Vorgehensweise dabei: von innen nach außen.

Mit dem Hinweis, dass über die Qualität der Zutaten lediglich eine chemische Analyse Auskunft geben könne, nahm ich mir die Zutatenlisten vor. Im No-Name Produkt waren weniger fragwürdige Zusätze enthalten als im Markenprodukt, zudem hatte das No-Name Produkt den eindeutig höheren Fischanteil. Beim Markenprodukt lag dieser sogar unter 50 Prozent.

Von dieser Perspektive aus betrachtet, so folgerte ich, könne man bei dem No-Name Produkt nicht von einem Billigprodukt sprechen. Da nahm ich mir die Verpackung selber vor. Hier war die Gestaltung beim No-Name Produkt eindeutig hässlicher und machte tatsächlich einen billigen Eindruck, während das Markenprodukt durch seine Verpackung wertiger wirkte. Ich warf die Frage auf, welche Absicht dahinter steckte, denn es könne ja wohl kaum sein, dass man für die Verpackungsgestaltung kein Geld mehr über gehabt habe.

An die Tafel schrieb ich ein Wort: Stigmatisierung
Über die Verpackung werden diejenigen, die sich No-Name Produkte kaufen, stigmatisiert. Das würde in jedem Fall fragen für eine Diskussion aufwerfen, folgerte ich. Das günstigere Produkt sei qualitativ besser, dessen Verpackung soll aber die Käufer stigmatisieren. Und überhaupt, wer würde das Markenprodukt denn kaufen, wenn die Schicht mit besonderes hohem Einkommen komplett auf Tiefkühlfisch verzichtet und sich das Gericht frisch zubereiten ließe.

Erstaunen in den Gesichtern meiner Mitschüler und bei meinem Lehrer, der mir mit einem Nicken seinen Respekt für den Vortrag signalisierte. Bevor die für die anschließende Diskussion zum Platz zurückgegangen war, wachte ich auf.

Seit dem grüble ich über diesen Traum, vor allem aber auch über die darin von mir selber aufgeworfenen Fragen.