11. Juni
2004

Mobil zuhören

Handys, von anderen Mitmenschen in der Öffentlichkeit benutzt, verführen zum Zuhören. Bei manchen Gesprächen kann ich einfach nicht weghören. Spannender als jede Soap, denn es spielen sich da echte Dramen des Alltags ab. Beziehungskrisen, Geldprobleme usw. Auch heute wieder in der Stadtbahn: Ich konnte einfach nicht weghören. Dafür habe ich dann später einen bösen Blick kassiert. Aber was soll man machen – man kann nicht weghören, nur sich die Ohren zuhalten. Das sieht dann aber auch ziemlich blöd aus. Auf jeden Fall wollte die junge Frau wohl Autoreifen von ihrem Freund oder Exfreund für einen Bekannten haben. Da er aber die ganze Nacht durcharbeitet und die reifen auch nicht mehr auf dem Balkon lagen, gab es Stress. Und dann hat er wohl einfach aufgelegt.

9. Juni
2004

Fdv

Fdv – Für dumm verkaufen. Diesen Eindruck hat man, wenn man in den letzten Tagen Zeitung liest. Da versucht ein Konzern, eine Firmenübernahme und die viel zu hohen Abfindungen der Manager vom deutschen Steuerzahler bezahlen zu lassen. Anders kann man wohl kaum den Versuch von Vodafone werten, über eine Teilwert-Abschreibung auf Grund eines Kursverlustes der Aktien vom Fiskus 50 Milliarden Euro zu zurück zu fordern. Das der Kurs der Aktien von Mannesmann und Vodafone im Rahmen der Übernahmeschlacht künstlich hochgejubelt wurden und später dann natürlicherweise wieder gefallen ist, lassen wir mal außer Acht. Ebenso wie die Frage, ob das rechtlich legitime Verhalten von Vodafone auch moralisch einwandfrei ist. Wesentlich interessanter ist nämlich der Blick auf die Politiker, die jetzt – im Hinblick auf die Europawahl -völlig empört sind über Vodafone und versuchen, Volkeszorn für sich nutzbar zu machen. Damit versuchen sie, ihre Wähler für dumm zu verkaufen, denn schließlich haben sie die gesetzliche Grundlage für eine solche Teilwert-Abschreibung geschaffen.

3. Juni
2004

Schuld

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung brachte mich darauf, über Schuld nachzudenken. Genauer gesagt über den Begriff der Kollektivschuld. In den Artikel ging es um die USA und die Folter von gefangenen Irakern. Der Autor ging unter anderem der Frage nach, ob die Bürger der Vereinigten Staaten eine Kollektivschuld trifft.

Unabhängig vom Artikel oder vom Thema stellt sich mir die Frage, ob es so etwas wie Kollektivschuld überhaupt gibt, geben kann. Jemand, der frei von eigener Schuld ist, kann nicht im Rahmen einer Kollektivschuld für das Fehlverhalten anderer verantwortlich gemacht werden, nur weil er Bürger eines Landes oder Angehöriger einer Gruppe oder Glaubensrichtung ist.

Ebensowenig, wie es die “die Amerikaner”, “die Deutschen” oder “die Juden” gibt, kann es eine Kollektivschuld geben. Ein 15 jähriger Amerikaner kann wohl kaum die Verantwortung für die Folter von Gefangenen übernehmen, so wie eine israelische Mutter auch nicht die Vertreibung der Palästinenser zu verantworten hat. Das Einzige, wo jeder Verantwortung für hat, ist sich gegen solche Entwicklung zu stemmen und Geschehnisse nie zu vergessen, auf dass sie sich niemals wiederholen. In Bezug auf den Holocaust bedeutet das, dass gerade uns Deutschen der nachfolgenden Generationen die Verantwortung obliegt, sich jegliche Form der Wiederholung im Großen wie auch im Kleinen mit aller Kraft entgegenzustellen. Aber uns trifft auf Grund der Tatsache, dass wir in Deutschland geboren sind, keine Kollektivschuld. Nur eine persönliche Schuld, wenn wir dem Hass und der Intoleranz wieder weichen und den Schlägern und Mördern das Feld überlassen.

Genauso kann man auch das fassen, was Aufgabe eines jeden Amerikaners wäre.
Zunächst einmal, die Tatsachen nicht verleugnen oder verdrehen. Das was in den Gefängnissen im Irak durch amerikanische Soldaten, amerikanische Bürger gemacht wurde, war Folter. Eindeutig. Keine Entschuldigung oder Rechtfertigung, keine Verharmlosung ist hier angebracht. In den Händen der amerikanischen Bürger liegt es jetzt, die für die Folter Verantwortlichen ausfindig zu machen und und in einem ordentlichen Verfahren über sie zu urteilen. Dabei sollten nicht nur die einfache Soldaten, sondern alle Glieder in der Befehlskette überprüft werden im Hinblick auf die Schuld, die sie durch aktives Handeln, durch Befehle oder Dienstanweisungen – auch inoffizielle – auf sich geladen haben.

25. Mai
2004

Wie geht es?

Es gibt Fragen, da hängt die Ernsthaftigkeit der Fragestellung unmittelbar von der Beziehung des Fragestellers zu demjenigen, der gefragt wird ab. Ein Typisches Beispiel dafür ist die Frage danach, wie es einem geht. Im engsten Freundeskreis steckt meistens ernsthaftes Interesse dahinter, während andere Mitmenschen diese Frage nur als Floskel benutzen und nicht wirklich wissen wollen, wie es einem geht. Daher neigt man auch dazu, ihnen zu sagen, dass es einem gut geht – selbst wenn das nicht der Fall ist. Für peinliche Betroffenheit würde man sorgen, wenn man die Frage ernsthaft beantwortet. Ein mögliche Antwort wäre die Gegenfrage, ob das wirklich von Interesse sei oder ob nur aus Höflichkeit gefragt wurde – in Erwartung einer positiven Antwort.

24. Mai
2004

Brot und Gerechtigkeit

Vorweg: Am Sonntag ist Horst Köhler mit knapper Mehrheit von den Wahlfrauen und Männern der CDU/CSU und FDP zum neuen Bundespräsidenten gewählt worden. Ob das die richtige Wahl war, bezweifle ich, aber ich kann mich ja auch täuschen. Die nächsten fünf Jahre werden es zeigen.

Im Zug heute morgen kam ich nicht dazu, ein wenig Schlaf nachzuholen, sondern hatte stattdessen eine interessante politische Diskussion mit einem Mitreisenden. Auch wenn wir vom Grundsatz her die gleiche Einstellung haben (denke ich zumindest), so beurteilten wir doch die aktuelle politische Entwicklung sehr unterschiedlich. So bin ich nach wie vor nicht davon zu überzeugen, dass die Gewerkschaften eine erhebliche Mitschuld an der wirtschaftlichen Misere tragen. Deutsche Arbeitnehmer verdienen nicht zu viel, sondern die Lebenshaltungskosten in Deutschland sind einfach zu hoch. Natürlich kann man an dieser Stelle ähnlich im Kreis diskutieren wie bei der Frage, ob zu erst die Henne oder das Ei da war. Bis Dortmund hatten wir auch keinen Konsens gefunden. Zu unterschiedlich gingen die Meinungen auseinander.

Auf dem Weg ins Büro hatte ich dann noch eine weitere Idee, der mir eingefallen ist. Mein Ansatz in der Diskussion war im weiteren Verlauf der moralische Anspruch an die Handlungen und Entscheidungen gewesen – basierend darauf, das es eine universelle Einsicht in Notwendigkeit bestimmter Entscheidung gibt. Ebenso wichtig ist die Rechts- und Lebenssicherheit. Auf Grund der Fehlbarkeit des Menschen kommt man mit solchen Argumentationsgrundlagen nicht weit. Ich kann mich auch nicht über einen Kompromiss freuen, wenn Entscheidungen eindeutig ausfallen müssen, um überhaupt wirksam zu sein. In Bezug auf den Klimawandeln nützen kleine Schritte nichts, sie sind wirkungslos und dienen nur dazu, das Gewissen zu beruhigen. Eine radikale Umkehr wäre erforderlich, wenn man die Erde für die nachfolgenden Generationen erhalten möchte.

Aber ich wollte von meiner Idee schreiben, das moralische Problem anders darzustellen. Nehmen wir als Bild hungrige Menschen und ein Brot. Gebe ich das Brot einem Menschen, wird dieser heute satt und hat noch genug für mehrere Tage, während die anderen Menschen verhungern. Teile ich das Brot und gebe zwei Menschen jeweils eine Hälfte, so werden sie beide heute und morgen zu essen haben. Wiederum verhungert der Rest. Gebe ich vier Menschen ein Stück vom Brot, so werden alle vier heute satt, während der Rest verhungert. Wenn ich das Brot so aufteile, das jeder etwas hat, wird es je nach Anzahl der Menge alle nur leidlich satt machen, oder aber alle werden trotz ihres Anteils am Brot verhungern. Mit dieser Ausgangssituation kann man die verschieden Möglichkeiten durchgehen und überlegen, welche Konsequenzen das jeweilige Handeln hat. Vor allem, welches Handlungsweise gerecht ist, welche moralische, welche zweckmäßig und welche verwerflich.

15. Mai
2004

Eurovison Song Contest

Nach so vielen Jahren haben wir heute mit einer kleinen Tradition gebrochen und nicht den Eurovison Song Contest mitverfolgt. Nach den letzten zwei Jahren war irgendwie die Luft raus – zudem haben immer die Kandidaten gewonnen, die wir für die schlechtere Wahl hielten. In all den Jahren haben wir auf jeden Fall eins gelernt. Wenn man mal spontan einen Brechreiz benötigt, reichen Nadine und mir zwei Wörter: Ralph Sigel. Es gibt Leute, die hören nicht die Signale, die ihnen deutlich machen wollen, das es an der Zeit ist, anderen das Feld zu überlassen. Es gibt Leute, die mit ihrer Penetranz gehörig nerven. Selbst dieses Jahr – auch wenn wir es nur am Rande mitbekommen haben. Da er kein deutsches Pferdchen ins Rennen schicken durfte, startet Ralph Siegel sein Anschlagsserie auf den guten Geschmack von Malta aus. Dieser Mensch scheint wirklich schmerzfrei zu sein.

12. Mai
2004

Nahrungsmittel Kartell

Während eines Gespräches mit einer Kollegin heute hatte ich plötzlich einen interessanten Gedanken. Aber der Reihe nach. Wir unterhielten uns über die gestiegenen Lebenshaltungskosten, insbesondere über die Lebensmittelpreise. Wir waren beide der Meinung, dass die Preise sich nicht verändert haben. Nur das Währungssymbol wurde ausgetauscht. Also eigentlich das bekannte Lied von DM gleich Euro. Es ist schon merkwürdig, wenn ein durchschnittlich begabtes Brötchen mittlerweile 25 Cent kostet während das eigene Gehalt durchaus nicht mehr kross ist.

Allerdings gibt es eine Merkwürdigkeit bei den Preisen. Dazu muss man einfach überschlagen, was es kostet, wenn man für zwei Personen kocht und dabei überwiegend frische Zutaten verwendet. Diesen Preis sollte man dann vergleichen mit den Kosten für Fertiggerichte. Diese sind erheblich billiger. Selbst wenn man jeweils eine gute Fertigpizza pro Person veranschlagt, liegt man noch deutlich unter dem Betrag, den man für eine selbst gemachte Pizza bezahlt hätte. Das als Zufall zu bezeichnen, würde den Kern der Wahrheit ebenso wenig treffen wie andere Ausreden oder Erklärungsversuche. Es werden wohl die Meisten über genügend Phantasie verfügen, um sich selbst auszumahlen, was wirklich dahinter stecken könnte.

11. Mai
2004

Hunde in der Stadt

Ich habe nichts gegen Tiere. Als Steak, als Wurst oder gehackt in der Lasagne schmecken sie mir gut.
Wenn man auf dem Land aufgewachsen ist, hat man in der Regel ein unverkrampftes Verhältnis zu Tieren. Kaninchen sind nicht nur süß, sondern auch lecker.

Großgeworden mit Katzen und später auch einem Hund – wenn man die besagten Kaninchen, eine kurze Taubenphase und das Dutzend Hühner mal unberücksichtigt läst. Von den Enten ganz zu schweigen.
Wie dem auch sei, die Katzen und der Hund wurden – wenn man das überhaupt bei Tieren, die von Menschen domestiziert werden, so bezeichnen kann – artgerecht gehalten. Viel Auslauf, ohne, drastisch gesagt, anderen Leuten in den Vorgarten zu kacken. Genau das ist es, was mich an Hunden in Städten so stört. Nicht nur, dass man, selbst wenn man sehr wohlwollend ist, nicht von einer tiergerechten Haltung sprechen kann. Die meisten Besitzer sind einfach nicht Lage, ihre Tiere unter Rücksichtnahme auf ihre Umwelt und ihre Mitmenschen zu halten.

Ohne Leine streunen die Köter in Grünanlagen, Parks und auf Kinderspielplätzen rum, setzten ihr Häuflein überall hin und erschrecken Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Da hilft auch die typische Aussage der überforderten Halter nichts, dass der Hund nichts tut, sondern nur spielen will. Wenn man drei Jahre alt ist und ein Hund in gleicher Größe auf einen zustürmt, hat man keine Ohren dafür, sondern einfach nur Angst.

Es ließen sich noch viele Gründe anführen, warum Hunde in der Stadt nichts zu suchen haben. Letztendlich macht es aber wenig Sinn, an die Einsicht der Halter zu appellieren. Am besten würde eine progressive Hundesteuer wirken, die Besitzer in der Stadt deutlich stärker zur Kasse bittet als solche, die auf dem Land wohnen. Zusätzlich müsste der Leinenzwang streng kontrolliert und Verstöße entsprechend geahndet werden. So bleiben Grünanlagen und Parks sauber und man kann ohne Bedenken im Sommer auf der Wiese seine Decke ausbreiten.

9. Mai
2004

Muttertag

Während heute die Kassen der Floristen klingeln, weil allerorts Alibisträuße gekauft werden, stellt sich mir wieder die Frage nach dem Sinn des heutigen Tages. Als ob ein Tag alle aufwiegen kann. Ich finde es besser, mich im gesamten Jahr bei meiner Mutter zu melden und an sie zu denken statt das ganze an einem Tag zu bündeln. Obwohl – Zeit sparender ist das ja schon. Wenn ich die ganzen Familien im Sonntagsanzug sehe, wie sie mit gequälter Mine ihren Sonntagsspaziergang machen, kann ich mich nur schwer zwischen Mitleid und Brechreiz entscheiden. Zumindest kann man sagen, dass es eine menschliche Eigenschaft gibt, die damit heute ihren eigenen Feiertag hat: die Verlogenheit.

8. Mai
2004

Ein Bild sagt mehr

Zu den Geschehnissen im Irak fällt mir der Ausspruch ein: “Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Die Fotos von den durch amerikanische Soldaten gefolterten und misshandelten irakischen Gefangenen können nicht durch Worte aufgewogen werden. Schon gar nicht durch halbherzige Entschuldigungen oder Ausreden. Das was angerichtet wurde, ist unverzeihlich. Die Würde des Menschen wurde bewusst verletzt, es wurde sich absichtlich über Normen und Wertvorstellungen hinweg gesetzt. Die gesamte sogenannte “westliche” Welt wurde beschämt. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George Bush, würde gut daran tun, moralische Größe zu zeigen – wenn er denn dazu in der Lage ist.

Dazu bedarf es einer Geste, die ohne Worte einen ehrlichen Wunsch nach Vergebung ausdrückt. Ein Bild, das sich gegen die anderen Bilder stellt. Wie so ein Bild wirkt, kann man an dem Kniefall vor dem Ehrenmahl des jüdischen Ghettos in Warschau von Willi Brandt sehen. Ein sehr starkes Bild. Natürlich konnte es die Schuld nicht aufwiegen, aber es zeigte den ehrlichen Wunsch nach Versöhnung und Vergebung, viel stärker als es Worte vermögen.