28. Dezember
2003

Lissabon – Teil IX

Irgendwo anders in Köln wachte Kardinal Reisser mit einem Gefühl des Unwohlseins auf. Er stand auf und ließ seine Füße in die alten Filzpantoffeln gleiten, die er noch vor der Wende in Eisenach gekauft hatte. Auf dem Stuhl hing seine Sonate. In ihr fühlte er sich immer wie eine alte Schwuchtel. Vielleicht war er das ja auch. Vor dem Waschbecken stehend, sammelte er Speichel im Mund und spie die Reste des Messweins vom gestrigen Abend aus. Das Gesicht im Spiegel passte zu den Kopfschmerzen. Reisser lies seine Blick durchs Zimmer schweifen. Trotz aller Kargheit war dies kein Zimmer der Kirche. Dort wäre er von dem Prunk umgeben, an den er sich in den langen Jahren seiner Amtszeit nicht unbedingt widerwillig gewöhnt hatte. An einer der nicht mehr ganz weißen Wänden des Zimmers, in dem er sich an diesem Morgen befand, hing ein verblichenes Poster von Lissabon.

27. Dezember
2003

Lissabon – Teil VIII

Die Zeit des Wartens war vorbei. Sein Kölsch wurde endlich gebracht. Ihm war danach, es in einem Zug auszutrinken. Aber dann müsste er entweder zahlen oder ein weiteres bestellen. Beides Dinge, die er vermeiden wollte. Mit den Fingern strich er eine zerknüllte Servierte glatt, die auf dem Stehtisch lag. Bewusst lässig trank er einen kleinen Schluck. Er wusste noch gar nicht, welches Bier es in Lissabon gab. Trotzdem meinte er, die Sonne Lissabons aus dem Kölsch zu schmecken. Für kurze Zeit schloss er die Augen, um sich die Stadt vorzustellen. Peinliche Betroffenheit schlug ihm entgegen, als er sie wieder öffnete.

26. Dezember
2003

Lissabon – Teil VII

Beim Reingehen ins Brauhaus wäre er fast mit jemanden zusammengestoßen. Irgendwie kam ihm die Person bekannt vor. Er meinte sich zu erinnern, den Mann schon mal im WDR-Fernsehen gesehen zu haben. Egal. Er drängelt sich durch die Menge von Menschen, die irgend etwas zu feiern schienen. Für einen kurzen Moment glaubte er, auch Antwerpes wäre dabei. Das Gesicht kannte er, auch wenn ihn die Lokalpolitik sonst nicht interessierte. In einer etwas abseits liegenden Ecke fand er noch einen freien Platz. Er bestellte beim Köbes ein Kölsch bereits im Bewusstsein, es nicht bezahlen zu können. Vielleicht würde es ihm irgendwie gelingen, sich später rauszumogeln.

25. Dezember
2003

Lissabon – Teil VI

Am Bahnhof schlug ihn wieder der Geruch von Urin und Reisen entgegen, eine besondere Mischung, die in vielen Herzen Fernweh erzeugt. Menschen unterschiedlichster Nationalität liefen hektisch und meist Koffer schleppend durcheinander. Eine japanische Reisegruppe holte gerade ihre Koffer aus dem Schließfach, so dass sich für ihn eine günstige Gelegenheit ergab, seinen Rucksack loszuwerden. Vorher wurde er allerdings mit aller asiatischer Freundlichkeit dazu genötigt, ein Foto der Reisegruppe vor den Schließfächern zu machen. Jetzt war es wirklich Zeit, sich etwas zu trinken zu besorgen. Auf die Möglichkeiten im Bahnhof selber konnte er gut verzichten, denn schales Bier aus Dosen schmeckte einfach nur widerlich. Vielleicht sollte er der Empfehlung eines Freundes folgen und ins “Früh am Dom” gehen.

24. Dezember
2003

Lissabon – Teil V

In ihm kam die Verzweiflung eines Reisenden hoch, der am Ende seiner Reise angelangt ist und doch nur noch umkehren kann, um den ganzen Weg wieder zurück zu gehen. Dabei war er selber doch erst am Anfang seiner Reise nach Lissabon. Auch wusste er ganz genau, dass er nicht vorhatte, jemals umzukehren. Er wollte alles hinter sich lassen und die ihm verbleibende Zeit am Rio Tejo genießen und den Duft der Geschichte einatmen. Kopfschüttelnd versuchte er, seine Gedanken an die Zukunft zu vertreiben um sich seiner jetzigen Lage wieder bewusst zu werden. Am besten wäre es wohl, wenn er noch mal nachsehen würde, ob sich jetzt ein freies Schließfach am Bahnhof findet. Ohne den schweren Rucksack würde er wesentlich beweglicher sein. Auch könnte er ein frühes Kölsch vertragen.

23. Dezember
2003

Lissabon – Teil IV

Etwas verloren stand er nach einiger Zeit vor dem schwarzen Riesen. Die Fassade zerfressen wie das Gesicht eines Pestkranken. Eigentlich wusste er, dass er hier genauso wenig verloren hatte wie die alten, verrottenden Gebeine im inneren. Der Dom – erbaut für Diebesgut. Gemächlich schlenderte er zum Eingansportal. Der bekannt muffige kalte Geruch empfing ihn, als er eintrat. Frei von Interesse schweifte sein Blick über die zahlreichen Broschüren für Touristen. Plötzlich hatte er das Gefühl, beobachtet zu werden. Sein Rucksack erschien ihm unpassend. Die Schultern schmerzten vom Druck. Trotz des unwohlen Gefühls ging er weiter, vorbei an abgewetzten Holzbänken. Seine Kehle schnürte sich zunehmend zu und er verspürte dieses unwohle Etwas im Magen. Luft, er brauchte unbedingt frische Luft. Der Stich eines wahnwitzigen Gedankens trübte für einen kurzen Moment sein Sehvermögen. Dann stand sein Entschluss fest. Zielsicher und mit zunehmend festem Schritt ging er zum Aufgang auf den Domturm. Er sah die 509 Stufen schon vor sich, die er zu erklimmen hatte. Wand sich aber enttäuscht wieder ab, da der Zugang erst um 9 Uhr geöffnet wurde.

22. Dezember
2003

Lissabon – Teil III

Dann stand er auf, schulterte seinen Rucksack und schlenderte in Richtung Wallrafplatz. Der Duft von frischen Brötchen trieb ihn tiefer in die Fussgängerzone, bis er schliesslich vor einer Bäckerei stehenblieb. Wieder kramte er in seiner Manteltasche, betrat den kleinen Laden durch die etwas zu enge Glastür. Fast wäre er mit seinem Rucksack hängengeblieben. Eine etwas in die Jahre gekommene Verkäuferin bediente ihn. Er entschied sich für zwei einfache Brötchen zum mitnehmen. Das Kleingeld reichte dafür gerade noch. Am Heinzelmännchenbrunnen setzte er sich und biss in das erste, noch warme Brötchen. Die knusprige Kruste erfüllte ihn mit Zufriedenheit. Beim Kauen schloss er die Augen und dachte an zu Hause. Die Krümel verteilte er anschliessend an die Tauben, die überall anwesend zu sein schienen. Um diese Zeit hatte der Dom sicher auch schon auf. Für ihn eine Gelegenheit, seinen tief verwurzelten Atheismus aufzufrischen.

21. Dezember
2003

Lissabon – Teil II

Währenddessen öffneten die ersten Bäckereien und muntere Frühaufsteher holten sich Brötchen und den “Express”. Die Seiten seines Reiseführers umblätternd, füllte sein Kopf sich wieder mit Träumen. Der Klang von Glas auf Stein riss ihn aus seinen Gedanken. Vor ihm stand jemand, der ihn aus rot unterlaufenden Augen neugierig betrachtete und ansetzte, eine Frage zu formulieren. Die Antwort schon vorwegnehmend, kramte er in seinen Manteltaschen und drückte dem Mann vor ihm etwas Kleingeld in die Hand. Geld, dessen Fehlen ihn später selber schmerzen würde. Ein dankbares Nicken und der Mann war so schnell wieder verschwunden, wie er zuvor erschienen war. Die Taschenuhr mit dem gesprungenen Glas war stehen geblieben. Er musste aufstehen und sich nach der Zeit umsehen. Unschlüssig über die einzuschlagende Richtung verharrte er noch weiter auf der Bank.

20. Dezember
2003

Lissabon – Teil I

Natürlich hatte er nicht ewig Zeit. Um 10.19 Uhr fuhr sein Zug, der ihn Lissabon näher bringen würde. Er stand in Köln auf der Domplattform und strich sich den Wind aus den Haaren. Auf der Bank waren noch die feuchten Reste des Frühnebels zu sehen. Einige heruntergefallene Blätter hielten sich darin frisch. Mit dem Geruch von Herbst in der Nase wischte er mit der Hand über die Bank und setzte sich. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Noch drei Stunden. Während die Stadt langsam erwachte, die Strassenkehrer ausschwärmten um das abgetragene Abendkleid zu reinigen, kramte er in seinem Rucksack. Langsam tasteten sich seine Hände vor, bis er den Reiseführer schließlich gefunden hatte. Er zog in heraus. Abgegriffen, zerlesen sah er aus. Eine getrocknete Kornblume fiel heraus.