Reisser zögerte den Moment der Antwort noch etwas hinaus. Die Verlogenheit seines Sekretärs widerte ihn an. Er wusste ganz genau, was Dondrus hinter seine Rücken plante. Natürlich war es auch Reisser nicht entgangen, das die Bibel fehlte, und er wusste ganz genau, was für ihn auf dem Spiel stand. Die anstehenden Termine liessen ihm aber Erstmal keine Zeit, sich eine Strategie zu überlegen. Einer der wichtigsten Termin war heute Nachmittag der Besuch der Bahnhofmission. Er wusste nicht mehr genau, wie lange sie sich schon in Köln um den Bodensatz der Gesellschaft kümmerte. War auch eigentlich egal, denn nach dem offiziellen Teil gab es ein Buffet, ausnahmsweise mal ohne Obdachlose.
Entweder Köln oder Lissabon. Aber was sollte er in Lissabon ohne sein Gepäck, fragte er sich. Das gefundene Geld wäre kein Ausgleich. Die Bahnhofsuhr drängte sich in sein Blickfeld. Gnadenlos verstrich die Zeit, er konnte seine Blick nicht abwenden und fühlte sich gelähmt, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen oder eine Entscheidung zu treffen. Aus seiner Starre riss ihn eine scheppernde Dose und eine dazu passende Stimme, die um eine kleine Spende für die Bahnhofsmission bat. Ohne weiter darüber nachzudenken, stopfte er einen Schein in die Dose. Ein warmes Lächeln bedankte sich für die großzügige Spende. Das beste wäre wahrscheinlich, vor dem Schließfach bis zum Ablauf der maximalen Belegungszeit zu warten.
Aus den Augenwinkeln heraus betrachtete Dondrus seinen Dienstherren. Seine Augenränder und seine unreine Gesichtshaut verrieten ihn. Schon länger wusste Dondrus, womit sich Reisser nachts beschäftigte. Allerdings hatte er es noch nie zur Sprache gebracht, auch nicht gemeldet. Nur geschwiegen und sich überlegt, wie er sich Reissers Schwäche zu Nutze machen könnte. Schließlich wollte er nicht ewig nur Sekretär bleiben. Ohne es zu wissen, hatte Reisser neben seiner Triebhaftigkeit noch ein weiteres Problem, das ihn ernsthaft gefährden könnte. Seit drei Tagen fehlte aus dem Domschatz eine kostbare Bibel aus dem 17. Jahrhundert. Obwohl Dondrus sich nicht vorstellen konnte, dass Reisser etwas damit zu tun hatte, etwa um sein Nachtleben zu finanzieren, wollte er das Verschwinden des Kircheneigentums für seine Zwecke nutzbar machen. Er räusperte sich noch mal, um Reissers Aufmerksamkeit zu bekommen.
Anscheinend schien keiner der anwesenden Gäste sich an den Vorfall zu erinnern, was wahrscheinlich auch an der verbrauchten Menge an Bier zu liegen mochte. Möglichst unauffällig schlich er sich durch das dichte Gewühl. Draußen angekommen, holte er Erstmal tief Luft, als ihn etwas am Ärmel zog. Die Einladung auf ein Bier schlug er dankend aus. In den Taschen seiner Jacke fühlte er das frisch erworbene Geld, die Bibel und den Reiseführer. Ein Blick auf die Uhr erinnerten ihn daran, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Hastig ging er zum Bahnhof. Bei den Schließfächern angekommen, kramte er nach dem Schlüssel. Aber so oft er auch suchte, seine Hände fanden nichts. Wo war der Schlüssel? Auf dem Klo? Irgendwo unterwegs verloren? Fieberhaft dachte er nach. Noch zehn Minuten, bis sein Zug Köln verlassen würde – mit oder ohne ihn, der Fahrplan würde keine Rücksicht nehmen.
Nach dem er die Zeitungen überflogen hatte, rief er seine Sekretär zu sich. Dondrus war ein früh ergrauter Mitvierziger. Seine spitzen Lippen, sein feminin-herbes Gesicht und sein Stimme erinnerten Reisser immer an eine Gouvernante. Zu Reisser Bedauern verhielt sich Dondrus auch genau so. Seine Neigungen muste er deshalb vor den skeptischen Blicken seines Sekretärs verbergen. Schon oft hatte Reisser überlegt, ob er hl. Vater ihm bewusst diesen Sekretär zugewiesen hatte. Dondrus räusperte sich und unterbrach Reisser in seinen Gedanken. Wie immer ein Tagesablauf voll mit Terminen.
Den beiden Stimmen nach zu urteilen, war er nicht Thema des Tages. Eine der beiden Stimmen schien nicht ganz zielsicher zu sein. Wahrscheinlich zuviel getrunken. Er vernahm ein Fluchen. Anscheinend hatte die Stimme sich auf die Schuhe gepinkelt. Die andere Stimme schien amüsiert, plötzlich knallte etwas zu Boden und die Stimme war nicht mehr amüsiert sondern schrie die andere Stimme wütend an. Ausgerutscht! Beide Stimmen beruhtigen sich wieder. Nach dem die Männerstimmen gespült hatten und sich entfernten, schlich er sich aus der Kabine raus. Von jenseits der Klotür wimmerte ein Bass. In einer gelblichen Lache lag ein schwarzes Portemonnaie. Mit einem Einweghandtuch hob er es auf und wischte es ab. Der ehemaligen Besitzer schien keine Vorliebe für Kleingeld zu haben.
Etwas ausser Atem, schlich sich Reisser unerkannt durch die Hintertür rein. Er wollte sich erstmal ‘frisch machen’, wie er es nannte, und dann mit seinem Sekretär den Tagesablauf durchsprechen. Hinter dem falschen Buch im Regal befand sich die Flasche mit dem Weinbrand. Nach einem kräftigen Schluck lies er sich in seine Sessel hinter dem Schreibtisch fallen und läutete. Auf dem Schreibtisch lagen wie üblich die Kölner Tageszeitungen und neben dem ‘Vatikan Observer’ auch weitere überregionale Presse.
Auf dem Spülkasten vom Klo hatte offensichtlich ein Scherzbold eine Bibel mit einem Kondom als Lesezeichen liegen lassen. Bei näherem Hinsehen fiel ihm auf, dass es anscheinend keine Bibel war, die man im Buchhandel erwerben konnte. Sie sah irgendwie auch etwas wertvoller aus. Er entfernte das Kondom und lies es in der Toilette verschwinden. Ohne sie weiter zu betrachten, steckte er die Bibel ein. Weiterhelfen würde sie ihm in seiner momentanen Situation leider auch nicht. Vielleicht sollet er einfach bis zur Nacht abwarten und sich dann rausschleichen. Sehr wahrscheinlich würden die Klos aber vorher kontrolliert. Zwei Männerstimmen kamen ins Klo und erleichterten sich von ihrem Bier.
Reisser trat auf ein benutztes Kondom. Das Gefühl von Ekel, das in ihm hochkam entsprang nicht den Gewissensbissen hervorgerufen durch mangelnde Keuschheit. Eher war es so, dass er sich peinlich berührt fühlte von seiner zunehmenden Schlampigkeit. Zumindest war das Kondom sorgfältig verknotet. Ohne weiter darüber nachzudenken, stopfte er sich es in die Tasche. Er schaute sich noch mal im Zimmer um. Sein Blick fiel nochmals auf das Poster. Vielleicht sollte er einfach abhauen, dieses verlogenen Leben hinter sich lassen. Einfach nur den Schritt wagen durch eine Tür gehen und wo anders sein. Die Zimmertür fiel hinter ihm ins Schloss. Viel Zeit hatte er nicht mehr, um nicht aufzufallen. Auch wenn es ihm egal war, aber er wollte nicht mit seinem liederlichen Treiben im ‘Express’ stehen. Hastig rannte er die Treppe runter, raus aus dem Haus, dessen Verschwiegenheit er so schätzte. Den Schlüssel warf er unterwegs am Ausgang in den dafür vorgesehenen Briefkasten. Noch ein Service des Hauses, dass seinen Gästen damit ersparte, den Schlüssel an der Rezeption abzugeben und erkannt zu werden.
Nichts wie raus hier, dachte er. Jemand zupfte ihm an seine Jacke. Ohne sich umzudrehen und auf die Blicke zu achten, steuerte er auf die Toilette zu. Ihm war verdammt heiß geworden und er hatte sicherlich wieder rote Ohren bekommen. Sanfte Klomusik empfing ihn. Der Blick zu den Fenstern enttäusche ihn. Sie waren zwar nicht vergittert, aber eindeutig zu hoch und zu klein. Die Panik in ihm wurde zunehmend größer. Er schloss die Türe der Klokabine hinter sich ab und lies sich auf den Klodeckel fallen. Erstmal nachdenken.