Quasi für Fortgeschrittene

Quasi für Fortgeschrittene

Gerade zu Ende gelesen habe ich das aktuelle Buch „Tiere für Fortgeschrittene“ von Eva Menasse — ein Buch, was dieses Jahr erst auf den Bücherstapel gekommen ist.

Quasi mit Tieren

Vor über vier Jahren hörte ich zum ersten Mal etwas von der Autorin Eva Menasse. Damals war es ein interessantes Werkstattgespräch, wo unter anderem über ihren Roman „Quasikristall“ gesprochen wurde. Der Roman selber hat mir beim lesen ziemlich gefallen, allerdings muss man sich auf diese Art zu schreiben einlassen. In dreizehn Kapitel wird eine die Biografie einer Frau als Splitter einer Person gezeigt — aus jeweils anderen Blickwinkeln. „Lieber aufgeregt als abgeklärt“, eine Sammlung von Essays, die danach erschien, ist mir irgendwie durchgerutscht. Das nächste Mal, dass ich wieder von Eva Menasse hörte, war im Zusammenhang mit der lit.cologne 2017. Bei der Veranstaltung mit ihr würde sie aus ihrem neuen Buch „Tiere für Fortgeschrittene“ lesen.
Bereits bei der Lesung fand ich ihr Buch vielversprechend und schrieb entsprechend positiv darüber. Eigentlich alles, was mich zu dem Zeitpunkt begeistert hat, begeisterte mich auch beim selber lesen. Allerdings gab es ein paar Abweichungen zur Lesung, die nicht uninteressant sind.

Tiere für Fortgeschrittene
JoaquinAranoa / Pixabay

Fortgeschrittene Änderungen

Mir war nicht mehr so bewusst, dass Eva Menasse bei den vorgelesenen Geschichten nur jeweils einen Ausschnitt aus der Geschichte gewählt hatte. Zwar gab es immer vorab die Zeitungsmeldung, aber sie sprang dann mitten rein an eine bestimmte Stelle. Dadurch verändert sich etwas. Zwar bleibt die Perspektive gleich, aber es fehlen einem die Teile vorher und nachher. Deutlich wird das etwa bei der Geschichte, die mit der Meldung über tote Haie beginnt. Bei der Lesung stand die Szene mit Einschulung im Vordergrund. Die Mutter wirkte hilflos, passiv. Und das, obwohl aus ihrer Sicht erzählt wird. Was es mit Vater des ausländischen Mitschülers ihrer Tochter Aufsichtsrat hat, erfährt man erst dann, wenn man die komplette Geschichte wieder liest. Die Passivität der Mutter wird zum Teil aufgebrochen. Zudem ist der Anfang auch nicht ohne Bedeutung.
An dieser Stelle verzichte ich bewusst auf jegliche Form von Spoiler — man muss die Geschichte, ja das ganze Buch einfach selber lesen. Ich kann es wirklich empfehlen. Den für interessante Punkt bei den vorgelesenen Abschnitten ist, dass sie quasi Literatur für Fortgeschrittene sind. Der Trick ist hier nämlich, dass die Ausschnitte zwar Ausschnitte sind, aber durchaus für sich selber stehen. Si lassen sich auch unabhängig vom restlichen Kontext interpretieren. Die Geschichten selber sind schließlich ebenfalls nur Ausschnitte aus dem Leben der Figuren. Je nach dem, welchen Ausschnitt man wählt, gibt es ein völlig andere Lesart. Geht es bei Haie um die kriminelle Strukturen, Mobbing in der Schule, Vorurteile, Ausgrenzung von ausländischen Mitbürgern — oder doch um etwas ganz anderes? Die Vielschichtigkeit der einzelnen Geschichten ergibt einen großen Reiz und verleiten dazu, das Buch mehr als einmal mit Genuss zu lesen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren